Wir, ich hatte zwei in Urlaub in die Heimat fahrende junge Dragoneroffiziere in mein Auto aufgenommen, atmeten auf, als wir in dem behaglichen kleinen Offiziersheim im Lager von Drenovo eine Stunde Rast machen konnten. Es war eine Erlösung, sich die Kleider reinigen, die zentimeterhohe Staubschicht von den Gesichtern abwaschen und einen kühlen Trunk genießen zu dürfen.

Drenovo hat einen bösen Namen in der Hygiene des Kriegsschauplatzes gewonnen; auf der Heimreise, wie bei der Rückkehr an die Front hat hier mancher Soldat sich eine schwere Malaria geholt. Lange Zeit war dies bei beiden Reisen die Übernachtungsstelle der Urlauber. In der sumpfigen Gegend des Barackenlagers wimmelte es von Malariamücken und die kurzen Stunden der Nachtruhe in den schlecht verwahrten Baracken haben vielen die schlimme Infektion durch deren Stich gebracht, die sie in den Jahren an der Front im gesunden Hochgebirgsklima Mazedoniens nicht bekommen hatten.

Abb. 231. Lager und Bahnhof von Drenovo. Im Hintergrund das Dorf.

Damals auf der Durchreise hatte ich nicht Zeit und Kraft, den hoch am Berghang gelegenen Ort Drenovo zu besuchen. Das holte ich im April 1918 nach, als ich mit meinem Freund Popoff eine genußreiche Fahrt durch diese Gegend machte. Da wanderte ich durch das malerische Örtchen zu der alten Kirche, die an dessen obersten Rand ganz außerhalb des Verkehrs lag. Deshalb wurde sie von Deutschen selten besucht, wenn sie das auch durchaus verdient hätte.

Die Kirche sah allerdings von außen aus wie eine Scheune. Trat man dagegen in den hohen Innenraum ein, so wurde man überrascht durch eine Anzahl gewaltiger Säulen, welche das Dach stützten und fast zu mächtig für den engen Raum waren. Es waren offenbar antike Säulen oder doch solche aus byzantinischer Zeit, die hier verwandt waren und dem erfahrenen Archäologen wichtige Aufschlüsse über die Geschichte des Landes versprachen. In dieser Kirche fanden sich auch Fragmente eines Tierfrieses mit merkwürdigen Formen, welche auf orientalische Beziehungen hinweisen.

Nach erfrischender Rast wurde die Fahrt nach dem Endpunkt der Feldbahn, dem großen Etappenlager Grazko fortgesetzt, wo ich auf die Hauptbahnlinie und den Wardar zurückkam, kurz vor der Einmündung der Cerna in den letzteren. Grazko war kein erfreulicher Aufenthalt, diese riesige Stadt von Zelten und Baracken, in kahler dürrer Gegend; ungeheure Mengen von Geräten, Munition, Waffen lagerten hier sowohl für die Cerna-, Monastir- und Seenfront, wie für jene am Doiransee und unteren Wardar.

Immerhin gab es hier zwei Anziehungspunkte, die Ruinen der antiken Stadt Stobi und das deutsche Gut Palikura. Stobi war eine römische Stadt, günstig an der Mündung der Cerna in den Wardar gelegen, aus der Hauptstadt der Päonier entwickelt. Sie war von jeher ein befestigter Brückenkopf. Noch erkannte man dicht am Fluß Reste einer Stadtbefestigung. Während der Besetzung wurden von Deutschen verschiedentlich Ausgrabungen dort gemacht. Zum Teil wurden sie dilettantisch betrieben, schließlich aber von Fachmännern geleitet und haben manches Interessante geliefert. Ich habe die Ruinen in verschiedenen Phasen der Ausgrabung besucht. Soweit ich Einblick gewann, ist das wesentliche Resultat der Forschungen die Feststellung der Grenzen und Befestigungen der alten Stadt, in der auf die altmazedonische Periode eine römische und eine byzantinische Periode folgten. Die römischen Reste sind spärlich, während aus byzantinischer Zeit viel mehr zum Vorschein kam. Der Verlauf der Befestigungen an der Cerna ließ sich ziemlich klar stellen, Grundrisse von Häusern, zwei Kirchen, Kloaken wurden aufgedeckt. Auch wurden römische und byzantinische Grabsteine gefunden. Von einer der byzantinischen Kirchen ließ sich ein gut Stück der Baugeschichte durch verschiedene Perioden hindurch verfolgen. In den Basiliken sind in byzantinischer Zeit römische Bauteile verwandt worden. Die byzantinischen Bauten sollen meist im 5. Jahrhundert entstanden sein. Gräber in der einen Kirche, ein Kuppelgrab, ein Friedhof wurden aufgedeckt, dazu ein Mosaikfußboden, dessen Arbeit auf römischen Ursprung hinweist. In der anderen stammen Säulen und Stufen von einem größeren römischen Tempel. Sie wurden offenbar nach dessen Zerstörung in die Kirche eingebaut.

Besonders stattlich muß die dreischiffige Basilika bei Palikura gewesen sein, die wohl auf eine größere Ausdehnung der Stadt Stobi hinweist. Hier sind eine große Anzahl von Säulen, Friesen, Marmorplatten und Inschriften gefunden worden. In dieser Kirche ist aber alle Arbeit von weit geringerem Typus und weist auf Entstehung in späterer Zeit hin. Auch sonst wurden in Mazedonien von unseren und den bulgarischen Truppen viele interessante Reste aus prähistorischen Zeiten, aus Altertum und Mittelalter gefunden. Im Jahre 1918 wurde an ihrer planmäßigen Erfassung gearbeitet und es sind wohl Veröffentlichungen darüber zu erwarten.

Palikura selbst ist während des Krieges als Versuchslandgut vom preußischen Landwirtschaftsministerium bewirtschaftet worden. Es war schon 33 Jahre vor dem Kriege in Händen eines deutschen Besitzers gewesen. Sowohl dieser als die preußische Verwaltung hatten, soweit ich erfuhr, manche Mißerfolge. Doch hatte ich bei einem Besuch in dem Gut den Eindruck großer Fortschritte, die wohl leider seither nicht mehr fortschreiten konnten.