Von dem ersten Ausflug nach Prilep brachte ich mehr als naturwissenschaftliche Ergebnisse, starke Eindrücke von der Kultur und Geschichte des Landes und noch stärkere von der Arbeit und Leistung unseres Heeres in diesem fernen fremden Gebiet mit. Ich habe ihnen absichtlich Raum gegeben; denn jetzt nach dem Zusammenbruch unserer Unternehmungen ist es wichtig, in Deutschland unter dem Einfluß des Mißerfolges, nicht die Größe und Tüchtigkeit unseres Volksheeres zu vergessen. Das, was Mannschaften und Offiziere mit Treue, Ausdauer, körperlicher und geistiger Energie in diesem Lande leisteten, das kann nicht ganz verloren gehen und wird wieder ein Zeugnis von dem guten Kern des Volkes werden, wenn die Deutschen eine neue Zukunft gewinnen.

Zu zoologischen Forschungen war die erste Fahrt nach Prilep nur eine Erkundung gewesen, die zu späteren Reisen den Anstoß gab, wovon weitere Kapitel Auskunft geben sollen.

DREISSIGSTES KAPITEL

AMEISENLÖWEN

Bei den klimatischen, botanischen und zoologischen Beziehungen Mazedoniens zu den asiatischen Steppen war ein großer Reichtum an jenen Neuropteren zu erwarten, die man gewöhnlich unter dem Namen der Ameisenlöwen zusammenfaßt und welche Rösel von Rosenhof sehr passend als Landlibellen bezeichnet. Da ich infolge einer eingehenden biologischen und tierpsychologischen Untersuchung des einen der deutschen Ameisenlöwen mich für diese Tiergruppe sehr interessierte, achtete ich von vornherein auf ihr Vorkommen in Mazedonien.

Schon in den ersten Tagen in Kaluckova, im Mai 1917, entdeckte ich auf den Hügeln der Umgebung in Mengen jene charakteristischen Sandtrichter, deren Bau und Verwendung zum Ameisenfang ich bei der deutschen Art so genau studiert hatte. Überall gab es diese Trichter, hier aber nicht so sehr an Abhänge und Stellen mit Regenschutz gebunden; vielmehr lagen sie überall frei im Gelände. In Rabrovo, dessen Zelt- und Barackenlager im schattenlosen Tal angelegt war, fanden sich zahllose Trichter in dem feinen Staub der Straßen und Plätze. Hier in dem Lande mit seinem trockenen Sommer brauchen die Ameisenlöwen sich nicht vor dem Regen zurückzuziehen, wie die Larve von Myrmeleon formicarius L. in Deutschland. Obwohl die Trichter genau so aussahen wie jene, die ich in Deutschland studiert hatte, merkte ich bald, daß die in Südmazedonien häufigste Larve zu einer anderen Ameisenlöwenart gehören müsse.

Bei Kaluckova war am häufigsten die Larve von Macronemurus appendiculatus Latr., einem zarten Tier mit durchsichtigen Flügeln, deren Oberfläche fein irisierte, wenn das Licht von der Seite auf sie fiel. Gegen die Flügelspitze hin war ein gelbliches Randmal sichtbar. Der Kopf trug zwei an der Spitze verdickte Fühler, vorstehende kugelige Augen, der Körper war dunkelbraun mit gelben Längsstreifen an den Seiten des Hinterleibes und gelben Flecken in der Brustregion. Das Männchen trug am Hinterende zwei behaarte Fortsätze und war kleiner als das Weibchen ([Abb. 234] A u. B).

Abb. 232. Trichter und Kriechspuren der Larven mazedonischer Ameisenlöwen (Myrmecaelurus trigrammus Pall.) Üsküb.

Davon, daß das Tier so aussah, hatte ich aber damals, als ich mir die Larven aus ihren Sandtrichtern holte, noch keine Ahnung; daß ähnlich aussehende Tiere aus ihnen werden müßten, wußte ich wohl. Aber zu welcher Art sie gehörten, war mir noch unbekannt. Erst gegen den Juni traten die Imagines auf und deren Zusammengehörigkeit mit den Larven ergaben mir Züchtungen aus Larven, die ich lebend hielt und durch fleißiges Füttern mit Ameisen zur Verpuppung brachte.