Nach einer Straßenbiegung liegt plötzlich die weit ausgebreitete, ziemlich große Stadt an den Berghängen vor unsern Blicken. Es war ein überraschender, höchst reizvoller Anblick, der sich uns darbot. Flimmernd lag die weiße Stadt an der Bergwand und in die Schluchten eingeschmiegt; hinter ihr breitete sich als dunkle Fläche ein großer Buchenwald aus, welcher den Gipfeln eine in Mazedonien ganz ungewohnte Einheitlichkeit und Ruhe gab. Die meisten Häuser waren weiß oder doch sehr hell getüncht, die Dächer mit großen Schieferplatten gedeckt, welche über das Bild ein gedämpftes Grau breiteten, eine ganz andere Farbenwirkung als bei den Türkenstädten mit ihren grellroten Ziegeldächern. Die Form des Daches ist meist eine vierseitige Pyramide, kein zweiseitiges Giebeldach, wie bei den bulgarischen Häusern. Die Häuser sind offenbar im Zusammenhang mit dem Raummangel an den Steillehnen der Hänge hoch gebaut, haben keine äußeren Galerien und Vorhallen. Zuerst wurde ich an italienische Gebirgsstädte erinnert; aber gegenüber diesen stach die große Einförmigkeit in der Bauweise der Häuser erheblich ab, es gab weniger Individualität als in jenem Land.
Immerhin waren die Straßenbilder, als wir durch die steilen Gassen kletterten, sehr malerisch und eigenartig. Während im Gesamtanblick bei dem starken Sonnenschein die grelle Helle der Häusermassen mit den vielen gleichmäßigen Fenstern zunächst einen verwirrenden, fremdartig abweisenden Eindruck hinterlassen hatte, bauten sich jetzt an den Einzelschluchten zwischen den Gruppen von Bäumen individuellere Bilder auf, welchen die ungewohnte Waldfläche des Hintergrundes etwas für die an die Grellheit mazedonischer Städtebilder gewöhnten Augen harmonisches und sympathisches gab.
Die Hauptmasse der Häuser war groß und städtisch, eines davon war zu einem Soldatenerholungsheim ausgebaut, welches ein Rittmeister Fries leitete. Es war ein guter Gedanke gewesen, hier in der frischen Bergluft, nahe dem Waldesschatten eine Art von Kurort für den mazedonischen Kriegsschauplatz einzurichten, in welchem Soldaten sich von akuten Erkrankungen und Erschöpfungszuständen erholen konnten, ohne den Strapazen der Heimreise ausgesetzt zu sein.
Hier wohnten die Rekonvaleszenten sauber und angenehm, hatten von ihren Fenstern einen schönen und freundlichen Ausblick und alles war darauf abgesehen, ihnen durch Abwechslung und Unterhaltung die Erholung zu fördern.
Mich interessierte natürlich zunächst besonders der Buchenwald, der die Gipfel der südlichen nicht sehr steilen Berge in merkwürdig geradlinigen, abgeschnittenen Beständen bedeckte. Es war ein eigenartiger Eindruck, einmal wieder einen richtigen schattigen Wald zu betreten, dessen hohe graue Stämme und hellgrüne Blätter das fremdartige Bild der weißen Stadt umfaßten ([Abb. 245]). Der Boden des Waldes war von einer glatten Fläche brauner Blätter bedeckt; auf ihm wuchs nicht viel von Gräsern und Kräutern, was wohl zum Teil mit der Jahreszeit zusammenhing.
Trat man jenseits aus dem Wald heraus, so fand man statt der erwarteten grünen Wiese ein kahles Geröllfeld, über welches der Wind pfiff. Vielleicht waren solche regelmäßigen Winde die Ursache des plötzlichen Aufhörens, des geradlinigen Abschlusses der Wälder.
Ein Gang durch die Stadt zeigte die städtische Wohnweise der hier wohnenden Menschen; es waren alles Stadtleute, die hier lebten, Handwerker, Kaufleute, Gewerbetreibende, Viehzüchter, keine Ackerbauer. Dem entsprach auch der mangelnde Anbau in der Umgebung der Stadt, der ja wohl auch durch die Höhenlage bedingt ist.
Nicht zum wenigsten war aber der Charakter der Stadt durch seine Einwohner bestimmt. Es war schon eigenartig, eine mazedonische Stadt ohne ein einziges Minaret vor sich zu sehen. Zwei Kirchen mit niederen Türmen, welche sich nicht übermäßig in der Größe von den anderen Gebäuden der Stadt unterschieden, bewiesen ihren rein christlichen Charakter.
Ist es nicht seltsam, daß eine solch stattliche Ansiedelung im Jahre 1858 der Geographie noch unbekannt war? Das gibt der Konsul von Hahn in seinem Buch an, welches er über seine Studienreise im Interesse der Anlage der Orientbahn geschrieben hat. Wie die übrigen aromunischen Städte ist auch Krusevo vor nicht allzulanger Zeit gegründet worden, von Angehörigen dieses Stammes, welche durch Räubereien oder Bedrückung aus anderen Teilen des türkischen Balkan verdrängt wurden.
Aromunen nennen sich die Angehörigen dieses Volkes selbst in ihrer romanischen, dem Rumänischen ähnlichen Sprache, die vom Lateinischen aus der Zeit, in welcher der Balkan einen Teil des römischen Reiches darstellte, abzuleiten ist. Kutzowallachen (lahme Wallachen) werden sie spöttisch von Türken und Slaven genannt, ebenso wie der hauptsächlich von den Serben gebrauchte Name Zinzaren ein Spitzname ist, der auf ihre Aussprache gemünzt ist. Gustav Weigand, wohl der beste Kenner der romanisch sprechenden Völker des Balkan, ist der Meinung, daß diese jetzt so weit zerstreuten Volksbestandteile einst ein einheitliches Volk gebildet haben mit einheitlichem Wohnsitz. Aber auch er hält sie für der Rasse nach so wenig einheitlich, wie es einst die römischen Kolonisten waren, aus denen sie entstanden sein müssen. In allen den Jahrhunderten der Slavenwanderungen, der byzantinischen und türkischen Herrschaft, mögen manche Vermischungen vorgekommen sein. Aber die Sprache hält. Die auf dem Balkan zerstreuten Aromunen, denen als romanisch sprechende Balkanvölker die Rumänen (bezeichnet als Daco-Rumänen), die Mogleniten und Istrier zur Seite stehen, erreichen nur die Zahl von höchstens 160000. Dazu sind sie ganz außerordentlich zersplittert und zerstreut angesiedelt.