Abb. 245. Die Aromunenstadt Krusevo vom Buchenwald aus gesehen.
Weigand hält für ihre ursprüngliche Heimat das westliche Nord-Thessalien, um das Gramosgebirge herum, von da sind sie hauptsächlich nach Nordosten ausgewandert, und man findet Bestandteile von ihnen in Griechenland, in Albanien, in Bulgarien, in Serbien, kurz über die ganze Balkanhalbinsel zerstreut. Sie erscheinen hauptsächlich in zwei Stämme geteilt, die sich gegenseitig als Karaguni, die Schwarzröcke, und die Farserioten, die fast immer weiße Kleidung tragen, bezeichnen. Während die ersteren seßhafte Stadtbewohner sind, leben letztere als Nomaden, schlagen ihre Hütten im Gebirge auf, wo es ihnen paßt und wo sie Weiden pachten; sie sind Hirten, welche keinen eigenen Grundbesitz haben. Trotzdem beide Stämme in enger Berührung sind, die Farserioten nicht selten zum seßhaften Leben übergehen, heiraten sie in der Regel nicht untereinander.
Daß die Aromunen bis in die neueste Zeit auf dem Balkan so viel wanderten, war meist nicht freiwillig. Religiöse Verfolgungen, Bedrückung, Plünderung durch die Türken und vor allem durch die Albaner veranlaßten sie aus der alten Heimat auszuwandern und sich an Orten niederzulassen, wo Volksgenossen es gut gefunden hatten. So stammen z. B. die Aromunen in Krusevo vorwiegend aus Platsa, Mekoro, Linotopi und Nikolitsa in Albanien. Aber die Neigung zum Wandern scheint auch ohnehin im Volk zu stecken. Nicht nur haben sie eine große Neigung besondere Sommerdörfer im Gebirge und Winterquartiere in tieferen Regionen zu bewohnen, sondern die Farserioten als Hirten sind, wie wir oben sahen, typische Nomaden. Auch findet man aromunische Kaufleute und Handwerker im ganzen Orient, in Österreich, in Rußland.
So kommt es, daß sie mehr als irgend ein anderes Balkanvolk zersplittert sind und nur in kleinen Gruppen zusammen wohnen. Sie sind zwischen den großen zusammenhängenden Nationalitäten des Balkan: den Albanern, den Serben, den Bulgaren und Griechen wohl kaum erhaltungsfähig und werden wohl allmählich in jenen aufgehen. Im Süden sind sie vielfach schon gräzisiert, in Albanien albanisiert; gerade die Albaner haben z. B. sogar in den aromunischen Siedelungen in Mazedonien Fortschritte gemacht, so von mir bekannten Orten in Lera und Kazani am Peristeri, in der Gegend von Resna und dem Prespasee sowie bei Ochrida.
Dabei spielen kirchliche Streitigkeiten keine geringe Rolle, indem die einen dem griechischen Patriarchen sich unterwerfen, andere der nationalen Kirche anhängen und damit jahrhunderte alte Gegensätze auf dem Balkan weiterführen. Auch die Agitation und Schulengründung von Rumänien aus konnte schon vor dem Kriege nicht übermäßig viel erzielen. Wie das jetzt nach den fürchterlichen Kriegsjahren sein wird, ist noch nicht zu übersehen.
Eines haben allerdings die Schulen erreicht. Man findet unter ihnen sehr wenig Analphabeten, ganz im Gegensatz zum Königreich Rumänien, wo 1904 noch unter 5406209 Bewohnern sich noch 4719363 Analphabeten zählen ließen.
In einer Stadt dieses Volkes fand ich mich also in Krusevo; sicher unterschied sich hier die Mehrzahl der Bewohner von den Mazedoniertypen, denen ich bisher begegnet war. Die Einwohner der Stadt bestanden nach Zählungen, die allerdings vor der Kriegszeit zurücklagen, aus 7000 Aromunen, 4000 Bulgaren und 800 Albanern, insgesamt waren es 12000 Menschen. Die Leute waren größer als die meisten Türken und Bulgaren, die ich gesehen hatte, nicht ganz so groß als Albaner. Auffallend viel Blonde fanden sich unter ihnen; die Gestalten waren vielfach elegant, schlank, die Bewegungen harmonischer als bei den mazedonischen Bauern. Nun war es allerdings hier Stadtbevölkerung. Unter den Hirten im Gebirge hatte ich nicht selten dunkle, vierschrötige Erscheinungen getroffen, die wohl zu den Farserioten gehörten. Hier in Krusevo, in Gopes und in Ochrida habe ich in Mazedonien die reizvollsten Erscheinungen von jungen Frauen gesehen, während die schönsten Männer Albaner waren.
Ich machte auf den Wunsch des Ortskommandanten einen Besuch bei dem Bürgermeister, der mich sehr freundlich aufnahm und mir nachmittags als Geschenk ein photographiertes Panorama der Stadt, Stickereien und Blumen schickte. Bei diesem Gang hatte ich Gelegenheit auch in Häuser hereinzuschauen, die wie die Straßen der Stadt für mazedonische Verhältnisse sehr sauber waren. In Zimmern mit sauber geputzten Fußböden fand man zum Teil ganz gute Möbel, Teppiche, gepolsterte Bänke an den Wänden, gelegentlich auch Betten, welche als besondere Kulturerwerbung der reichen Krusevaner gerühmt wurden. Auch Ungeziefer soll bei ihnen selten sein.
Auch hier in der Stadt schienen die alten Sitten durch den Krieg wieder aufgewacht; denn man sah viele Frauen mit Spindel und Rocken Wolle und Hanf spinnend in den Höfen, was sonst bei den Hirten stets üblich ist. Viele Leute trugen hier städtische Kleider; wenn auch Viehzüchter in der Stadt wohnten. Eine einheitliche Nationaltracht haben überhaupt die Aromunen nicht, sie gleicht jeweils derjenigen ihrer Nachbarn.