Spuren eigener alter Kultur findet man überhaupt wenig bei ihnen und vor allem nicht in einer Stadt von so jungem Bestand. So sind auch ihre Kirchen ziemlich neue Bauten. Das hindert nicht, daß die eine von ihnen sehr schöne Holzschnitzereien enthält. Die Handwerker der Aromunen sind überhaupt sehr tüchtig, besonders ihre Silberarbeiter und Goldschmiede.
Eine Aromunenstadt unterscheidet sich wesentlich von einem der schmutzigen Dörfer mazedonischer Bulgaren. Das gilt nicht in gleichem Maße von den Dörfern und vor allem nicht von den Hütten der Hirten, in denen allerdings immer eine besondere zum Wohnen und eine besondere zur Käsebereitung dient.
Was aber die Städte und Dörfer der Aromunen auszeichnet, ist ihre Lage, welche fast stets derjenigen von Krusevo ähnelt. Sie liegen immer in größeren Bergeshöhen. Darin spricht sich sicher schon wie in den Winter- und Sommerdörfern eine Neigung zu frischer Höhenluft, zu gutem Wasser, das Bedürfnis nach hochgelegenen Weideplätzen aus. Aber die Lage der Ansiedelungen in langen Seitentälern, abseits von den Hauptverkehrsstraßen zeigt, daß die Bewohner gleichzeitig damit Schutz vor Räubern und marodierenden Soldaten suchen. Sie sind ein wenig aus der großen Welt herausgetreten, sie wohnen nicht an der Straße, sie reizen nicht das Auge des Begierigen.
Sie stellen allerdings in ihren Städten nur wirtschaftliche Vereinigungen dar, nicht solche zu Schutz und Vereinigung gegen Feinde, wenn sie eine solche auch ohne weiteres durch ihre Einwohnerzahlen sind. Doch ist es sehr bezeichnend, daß Aromunenstädte nie Mauern und Befestigungen aufweisen.
ZWEIUNDDREISSIGSTES KAPITEL
GOPES
Gopes ist auch eine Aromunenstadt oder richtiger ein großes Dorf mit städtischen Häusern, hochgelegen, wie die meisten Ansiedlungen dieses Volkes. Viermal bin ich in das Gebirge gereist, in welchem dieser Ort 1200 m hoch liegt. Jedesmal erfolgte die Reise mit anderen Hilfsmitteln und zu anderer Jahreszeit und brachte so verschiedene Eindrücke, daß es sich lohnt, die verschiedenen Reisen nach Gopes kurz zu schildern.
Mein erster Besuch, eine Rekognoszierung, führte mich in gutem Auto des A.O.K. XI in einem Tag von Prilep nach Gopes und wieder zurück. Es war in den 18 Stunden, die er für mich dauerte, ein reicher Tag, der frühe Morgen hatte mich über die Ebene wieder nach Krivogastani gebracht, dann am Gebirge entlang über Bucin längs der Cerna nach Murgas. Kurz hinter diesem Ort geht es an einen Nebenbach, die Mramoriča (auch Smileva Reka genannt) und diese aufwärts zum Dorf Smilevo, von wo es in sehr steilen Kurven nach Gopes hinauf führte. Es war ein köstlicher Genuß, an dem schönen, klaren 20. Juni 1917 durch die grüne Landschaft am rauschenden Bach entlang zu fahren. Ein kühler Morgenwind beugte die Pappeln, Weiden und Obstbäume. Grüne Wiesen breiteten sich neben gutgepflegten Feldern aus. Der Weg und der Bach treten bald auf die eine, bald auf die andere Seite des Tales. Schließlich führte eine Flußbrücke zu dem kurvenreichen Bergweg, der mich schnell nach Gopes brachte.
Ein malerischer Blick öffnete sich vor mir durch den sommergrünen Buchenwald auf das Städtchen Gopes.
Es war der erste größere Buchenwald, den ich nach kurzem Aufenthalt in Mazedonien kennen lernte; die silberglänzenden, grauen Stämme, zum Teil alt und knorrig, das flirrende Laub, das sich vom wolkenlos blauen Himmel abhob, der Gesang der Vögel aus den Kronen der Buchen stimmten mich von vornherein empfänglich für all die Naturschönheit, die mich da oben erwartete. Jede Kurve gab einen neuen Ausblick auf die für mich ganz neuartige Stadt mit ihren großen Häusern, ihren steilen Gassen, den Gruppen von Obstbäumen, Erlen, Pappeln, welche keine solche Wirkung von Mauern und Steinen aufkommen ließen, wie sonst in mazedonischen Städten. Als anmutiges Landstädtchen erschien mir Gopes, umgeben von einer großzügigen Gebirgslandschaft. Schroff stürzten die Hänge hunderte von Metern in die Täler hinab; aber es waren nicht kahle Felsen, sondern grüne Wiesen, umrahmt von Hecken und Buschwerk, abwechselnd mit Gruppen schön gewachsener Bäume und kleinen und größeren Wäldern. Frische Gebirgsluft wehte durch die Gassen, deren Häuser in der Bauart reiche Abwechslung zeigten; manche waren mit Holzveranden und Vorbauten geziert; überhaupt Holzwerk und Hausteine an den unteren Stockwerken brachten eine bunte Mannigfaltigkeit ins Straßenbild, die noch gesteigert wurde durch die Verschiedenfarbigkeit der Dächer, die mit roten Ziegeln, häufiger aber mit grauen Schieferplatten gedeckt waren. Ein warmes, heiteres Bild, ohne die Grellheit der türkischen Städte, gehoben durch die Durchblicke auf die Wälder und die grandiosen Bergformen, welche nach allen Seiten sich über die Ortschaft erhoben.