Nun war die böse Zeit für die Herden. Der verdorrte Boden mit seinen harten Büschen gab nur mehr den Ziegen dürftige Nahrung. Die Schafherden hatte man, wo es ging, in die Berge gebracht. Aber die Pferde und Rinder litten in dieser Zeit bitter an Hunger und Durst. Es war ein trauriger Anblick, die abgemagerten Ochsen und Pferde in Herden über dem trockenen Boden die spärliche Nahrung suchen zu sehen. Es mochte einen erbarmen, wenn die hageren Tiere, denen die Rippen weit herausstanden, mit den Vorderbeinen in die Krone eines kümmerlichen Maulbeerbaumes kletterten, um da die wenigen übrig gebliebenen Blätter abzuknabbern. Sie, die Ärmsten, konnte man nicht entbehren; sie brauchte man jetzt im Kriege überall für Transporte, zum Nachschub, als Trag- und Reittiere und zum Schlachten.

Wie mancher Ochse, wie manches Pferd erlag den Strapazen und dem Hunger, stürzte an der Straße nieder, starb und konnte nicht fortgeschafft werden. Da sammelte sich bald um das Aas eine Schar gieriger Tiere an. Lange stank es nicht in die Gegend hinein; denn durch den Geruch angelockt, kamen die Dohlen, die Krähen, die Kolkraben, zu denen sich hier im Lande stets die Elstern gesellten. Kaum hatten sie begonnen sich gütlich zu tun, so scheuchte ein gewaltiger Schatten sie auf. Ein riesiger Geier senkte sich auf das Aas herab; bald kamen seine Genossen dazu und ehe sie gesättigt waren, wurde das kleinere Gesindel zum Mahle nicht zugelassen. Kaum wiederum hatten die Geier das Aas mit vollen Kröpfen verlassen, so stürzte sich die schwarze Bande der Kleinen zu Hunderten auf den Rest und bald ragte das Skelett rein genagt in den dörrenden Sonnenschein.

Abb. 252. Hungernde Rinderherde im Hochsommer.

Nicht immer warteten die Aasvögel den Tod ihres Opfers ab; ich habe die Erinnerung an ein grausiges Erlebnis nördlich des Katlanovosees. Gegen Abend, auf staubiger Landstraße heimkehrend, bemerkte ich in einem Dornbusch eine große Schar von Krähen, Dohlen und Elstern, die sich da mit mächtigem Geschrei zu schaffen machten. Einen großen Kolkraben, der sich auf die Gruppe herabsenkte, schoß ich und als ich ihn holen wollte, sah ich im Busch ein seltsames Bild vor mir. Ein starkes Schaf war hier von der Herde zurückgelassen worden, nachdem es sich mit seiner Wolle in den Stacheln des Judendornes so verfangen hatte, daß es nicht mehr loskam. Das war gefundene Beute für die Aasvögel. In Scharen hatten sie sich auf das unglückliche Tier niedergelassen, hatten ihm lebend die Augen ausgehackt und hatten vom Kopf aus begonnen, ihm Fleischstücke abzureißen. So hatten sie angefangen das Tier bei lebendem Leib aufzufressen, als ich seinem Leben durch einen Schuß ein Ende machte.

Wo es Wasser gab, wurde es von Menschen und Tieren zum Baden aufgesucht. Auch die Haustiere machten da keine Ausnahme. Reizvolle Bilder boten die im Wasser liegenden Büffel, bei denen oft nur mehr die Nase und die Ohren aus dem Wasser schauten. Ganze Rinderherden stiegen an den seichten Seeufern, z. B. des Prespasees, ins Wasser, Pferde tummelten sich da. Schafe und Ziegen dagegen scheuen das Wasser.

Abb. 253. Badende Büffel.

Glücklich waren Menschen und Tiere zu preisen, welche in der heißen Zeit in die Berge durften. Ich habe oft in früheren Kapiteln die schönen, fetten Herden von Rindern und Schafen erwähnt, die ich im Sommer im Hochgebirge auf den Matten über 1500 man traf. Aber nicht nur diese Haustiere des Menschen waren der Hitze der Ebene entflohen, auch manche andere Tiere fand man im Sommer im Hochgebirge, die im Frühling in der Ebene gewesen waren. So waren manche der mitteleuropäischen Vögel, Finken, Amseln, Drosseln, zur Sommerfrische in die Berge gezogen.

Auch unter den Insekten sah ich später im Sommer Arten, die ich im Frühling in der Ebene beobachtet hatte, immer höher in den Bergen sich zeigen, je höher hier der Frühling hinaufstieg.