Eine Folge der hohen Sommertemperaturen zeigte sich deutlich bei den Pflanzen und Tieren. Wie bei den einjährigen Pflanzen oft die ganze Vegetationsperiode in wenig Tagen ablief, so daß Gewächse, die weite Gebiete mit ihren farbenprächtigen Blüten bedeckt hatten, wie mit einem Schlage verschwunden waren, so war auch bei Tierarten das plötzliche Auftreten und Verschwinden außerordentlich auffallend.
Oft fand ich an einem Berge, in einem Tale eine Käferart, einen Schmetterling, eine Zikade, in vielen Tausenden von Exemplaren. Jede Blüte, jeder Busch war von ihnen bedeckt. Kam ich nach wenig Tagen wieder dorthin, so war die Art oft spurlos verschwunden, manchmal noch durch wenige Exemplare vertreten. Für uns Bewohner gemäßigter Zonen war dieser rasche Ablauf des Lebens in dieser heißen Sonne sehr eindrucksvoll.
Manche Beispiele von Satyriden und den Thekla-Arten, auch den Bläulingen habe ich in früheren Kapiteln schon erwähnt; so auch die Zikaden und die Ameisenlöwen. Ähnliches beobachtete ich bei Käfern, so z. B. kam der schwarzgelbe Käfer Mylabris variabilis Pall. Mitte Juli 1917 auf der Plaguša Planina in vielen Tausenden von Exemplaren auf jeder Doldenpflanze vor; nach 14 Tagen war die Art aus dem Gebiete verschwunden. Ähnliches galt für Conitis bifarciata Swark. am Katlanovosee Mitte Juni 1918. So trat im Nikolatal im April 1918 Lychus (Halosinus) collaris Fabr. in ebenso großen Mengen auf, wie Lychus (Halosinus) syriacus L. im Mai bei Dedeli. Sehr auffallend war das Massenvorkommen des mächtigen Bockkäfers Cerambyx (vgl. Abb. 29 auf S. 53), der in Mengen hoch durch die Luft flog und dabei mit seinen langen Fühlern einen phantastisch großen Eindruck machte. Er war auch dadurch interessant, daß bei ihm die Fühlerlänge der einzelnen Individuen sehr stark variierte.
Während das Massenauftreten der Arten sicher von dem Vorkommen der Futterpflanze und besonderen Verhältnissen abhängt, ist das kurze Leben der Individuen wohl auf den raschen Verbrauch der Imagines in der Sommerhitze des Landes zurückzuführen.
Wie verschieden die Gesetzmäßigkeiten sein mögen, welche das Massenauftreten einer Art in einer bestimmten Gegend bedingen, das fiel mir sehr auf, als am 15. Juli 1917 plötzlich an einem schönen Morgen das ganze Tal bei Hudova von einem viele Tausende von Individuen umfassenden Libellenschwarm erfüllt war. Sie kamen in großen Schwärmen von Süden und flogen nach Norden, und zwar gegen den stark wehenden Nordwind, gegen den sie sehr gut ankamen. Um alle Bäume und Häuser von Kaluckova brandeten die Massen an; ich durchstreifte an diesem Tag die ganze Gegend; überall sah ich die Libellenschwärme, sowohl in Kalkova, in Hudova, Gradec, im ganzen Gebiet. Aus den verschiedensten Lagern des Tales wurde das seltsame Phänomen gemeldet. Am Tag herrschte nicht mehr als 24° C im Schatten, das Wetter war auffallend kühl. Den Tag über flogen immer neue Scharen heran. Abends nahmen sie ab und an den nächsten Tagen waren fast alle, bis auf einige Nachzügler, verschwunden.
Den Namen der Art, den ich Dr. F. Ris verdanke, ist Aeschna mixta; alle an jenem Tag gefangene Individuen sind unausgefärbte Stücke, die erst nach 2-3 Tagen ihre volle Ausfärbung erreicht hätten. Die gleiche Beobachtung wurde auch sonst bei Massenflügen von Libellen gemacht, wie nach Mitteilung von Dr. Ris nicht selten bei Hemianax ephippiger, einer mediterranen Form.
Diese Tatsache weist offenbar darauf hin, daß es sich um Tiere von gleichem Alter und annähernd gleicher Herkunft handeln muß. Ihre Versammlung an einem Ort scheint wohl durch Windrichtung und barometerische Bedingungen verursacht zu sein. Der englische Naturforscher W. H. Hudson gibt in seinem so reizvollen Buch über La Plata eine Schilderung von den aus Millionen von Individuen bestehenden Schwärmen der Libelle Aeschna bonariensis Raml., welche in Argentinien vor dem Südwestwind, dem Pampero, vorausfliegen. Also auch dort vor einem kalten Wind erscheinend. Daß die von mir beobachteten Tiere gegen Norden flogen, war wohl durch den Schutz bedingt, den ihnen die nördlich gelegenen Talwände, Bäume und Häuser vor dem Wind gewährten.
Meine Beobachtung schließt sich jedenfalls meinen anderen Feststellungen über das massenhafte Auftreten einer Tierart an wenigen Tagen im sommerlichen Mazedonien an. Das plötzliche Verschwinden der Libellen ist allerdings wohl nicht durch deren raschen Tod, sondern durch Verteilung auf Bäche und Flußufer einer weiteren Umgebung nach dem Nachlassen des kalten Winds zu erklären.
Abb. 254. Kartenskizze von Westmazedonien. Gebiet der großen Seen.