VIERUNDDREISSIGSTES KAPITEL

DER PERISTERI. Die MAZEDONISCHEN ALPEN.

Wieder ragte ein hohes mazedonisches Gebirge vor mir auf, der Peristeri, auf dessen Gipfel jetzt noch Mitte Juli ein kleines Schneefeld sichtbar war. Von diesem, den weißen Flügeln der Taube, hat er seinen griechischen Namen. Mächtig erhob der Berg sich vor mir mit seinen drei Gipfeln, als ich am 17. Juli an einem sehr heißen Morgen von Gopes nach Dolenci ins Tal der Semniča abstieg, welche vom Peristeri kommt. An ihren Quellbächen liegen Kazani und das Aromunendorf Maloviste, von dem sonst gewöhnlich der Aufstieg auf den Peristeri von den Deutschen unternommen wurde. Ich plante ihn aber von Čapari aus, wo als Leutnant ein junger Königsberger Zoologe, Dr. H. C. Müller, in Quartier lag. Dieser hatte mir angeboten, mich und meine Mitarbeiter als Führer auf den Peristerigipfel zu begleiten.

Abb. 256. Blick über Čapari auf den Peristeri.

Schon in Dolenci holte uns Dr. Müller mit seinem Wagen ab, der uns den Širokabach entlang nach dem malerischen Dörfchen Čapari führte, wo wir freundschaftlich aufgenommen wurden. Der Bach durchbrauste das reich von Bäumen beschattete Dorf, in welches er vom Hang des Peristeri durch eine tief eingerissene Schlucht hineinstürzte. In alle Gassen des Dorfs blickte groß und würdevoll die gewaltige Gestalt des Peristeri hinein.

Es war ersichtlich, daß wir einen geeigneten Ausgangspunkt für den Aufstieg auf den Hauptgipfel des Peristeri gewählt hatten. Offenbar war die Schlucht ein viel von den bulgarischen Truppen begangener Weg, der, ohne durch Wald zu führen, sehr steil, aber geradewegs uns in die Gipfelregion brachte.

Am 18. Juli, 3½ Uhr morgens, begann der Anmarsch steil durch die Schlucht hinauf; es stieg sich gut in der Nacht, auch als wir die Schlucht verließen und uns ostwärts auf einen Sattel wandten, der von üppigem Mattengras bewachsen war, aus dem kahle Felsen hervorragten. Während bisher im Dunkeln nichts zu beobachten gewesen war, änderte sich das sogleich, als auf dem Sattel bei 1700 m Höhe um 5½ Uhr die Sonne über einen Felsgrat empor kam. Ein schöner Sonnenaufgang fand uns auf einem üppigen Wiesenboden, wo uns die ersten zwerghaften Exemplare der für den Peristeri charakteristischen Zirbelkiefer (Pinus peuce) begegneten. Vorher war der Boden von Adlerfarn weithin bedeckt gewesen, zwischen dem Wolfsmilch, Thymian, hier und da Erdbeerpflanzen standen. Die großen Farnflächen waren manchmal durch Wiesen unterbrochen, in denen mitteleuropäische Grasarten und ein weißer Klee die Charakterpflanzen waren.

Hier oben war aber die Pflanzenwelt reicher; zwischen den vereinzelten Sträuchern der Zirbelkiefer wuchsen Gruppen eines niedrigen Wachholders (Juniperus nana Willd.). Von blühenden Pflanzen fielen Königskerzen, Schafsgarben, Nelken auf. Ich habe auf dem Peristeri keine Pflanzen gesammelt, da der deutsche Botaniker Grisebach schon im Jahre 1839 hier Beobachtungen gemacht hatte und Professor Bornmüller, mein botanischer Mitarbeiter in Mazedonien, im Jahre 1917 schon dort gewesen war. Immerhin werde ich noch manche Pflanzen aus der alpinen Region erwähnen.

Um so mehr nahm ich mit meinen Begleitern die Zeit wahr, um auf Tiere zu achten. Eine Menge von kleinen grauen Schmetterlingen aus der Gruppe der Spanner (Geometriden) flogen vor unseren Schritten aus den Büschen vor uns auf (Anaites simpliciata Tr.). Parnassier fanden wir hier nicht. Wahrscheinlich war es für die Mnemosynen zu spät und für die Apollos zu früh. Zwei für die Höhenzone charakteristische Heuschreckenarten waren aber häufig. Eine schwarze Form mit roten Unterflügeln glich sehr der Art, welche ich in der gleichen Höhenzone auf der Mala Rupa gefunden hatte. Sie führte einen ähnlichen Balzflug aus wie jene, aber stieg dabei nicht so ausgesprochen senkrecht in die Höhe wie sie (Stenobothrus morio Fab.). Eine zweite kleine Heuschrecke, die in großen Mengen vorkam, zeichnete sich im männlichen Geschlecht durch eigentümlich verdickte Vorderschienen aus, welche offenbar im Geschlechtsleben eine Rolle spielen. Diese Form, die hier abgebildet ist, ist durch diesen geschlechtlichen Dimorphismus besonders gekennzeichnet, welcher sonst bei Heuschrecken selten vorkommt.