Abb. 257. Gomphocerus sibiricus L. Heuschrecke, deren Männchen verdickte Vorderbeine besitzt. Männchen und Weibchen einander gegenübersitzend.

Aus den grünen Matten ragten Gruppen schroffer, heller Felsen empor, welche in den Spalten von rötlichem Detritus erfüllt waren. Ein schöner, gleichmäßiger, dunkelgrüner Rasen überzog die Hänge dazwischen. Es war selbst hier in einer Höhe von 1800-2000 m sehr heiß, die Sonne brannte auf uns herab, als wir an einem solchen Felsen rasteten. Da erschienen plötzlich feindliche Flieger über uns. Sie wurden von einer Flakbatterie bei Rasotin beschossen, wobei ein Blindgänger nahe bei uns niederfiel. So wurde man grausam daran erinnert, daß wir Naturforscher nicht einmal in dieser weihevollen Einsamkeit der Natur ungestört unseren Forschungen nachgehen durften.

Wir ließen uns aber nicht bei unserer Tätigkeit behindern, welche uns reizvolle Funde in Aussicht stellte; denn über den Matten flogen interessante Gebirgsschmetterlinge dahin. Es waren dunkle Erebien (Erebia epiphron orientalis Elw., E. euryale Esp., E. tyndarus balcanica Reb.).

Nach fast 5 Stunden Steigens langten wir in einem karartigen Kessel der Gipfelregion an. Mächtige Granitblöcke bedeckten seine Hänge, wirr übereinander gestürzt und durcheinander geworfen. Eine tiefe Mulde zog sich zu einem etwas eingebogenen Gipfelkamm. Der ganze Hang war von ungeheuren Massen von Geröll bedeckt. Wir waren in etwa 2100 m Höhe angelangt. Die Mulde streckte sich nach Süden und kehrte uns ihren Nordhang entgegen. Auf diesem lag das einzige kleine Schneefeld, welches der Sommer oben bei etwa 2400 m zurückgelassen hatte. Zwischen den Steinen rann Schmelzwasser des Schnees herab, welches im Grunde schwarze, sumpfige Erde angesammelt hatte, zwischen der allerhand Pflanzen von ausgesprochen alpinem Typus wuchsen. Auch von diesen hat Grisebach eine ausführliche Liste gegeben. Mir fiel damals besonders eine entzückende rosenrote Nelke auf, die große blütenreiche Polster zwischen den Steinen bildete (Dianthus myrtinervis Gris.). Ich habe von einem solchen Polster eine photographische Aufnahme gemacht, welche hier eingefügt ist ([Abb. 258], [S. 520]). Die Abbildung gibt einen Eindruck von der charakteristischen Hochgebirgsumgebung, in welcher die Pflanze wächst. Die Augen auf sich zog auch ein stattlicher Enzian (Gentiana punctata L.) mit gelben, braungefleckten Blüten, der große Büsche bildete. Unten am Sumpf stand ein stattliches Fettkraut mit großen violetten Blüten (Pinguicula grandiflora Lam.), ein alpiner Vertreter dieser insektenfressenden Pflanzengattung. Dazu kam ein mächtiges Läusekraut (Pedicularis comosa L.) und ein leuchtend blaues Vergißmeinnicht.

In diesem steinernen Kessel, in der Hochgebirgseinöde, lag eine bulgarische Kompanie. Sie hatte im Schutz von Felsen in möglichster Winddeckung eine Anzahl Hütten und Baracken gebaut und führte da ein entbehrungsvolles Dasein. Wir waren in nächster Nähe der Front, welche über den Gipfel des Peristeri hinzog. Im Sommer war der Aufenthalt hier oben nicht weiter schlimm und jedenfalls der Gesundheit zuträglich. Aber im Winter hatten die Soldaten kein leichtes Leben. Hier lag zuzeiten der Schnee 15 m hoch. Die Hütten waren dann vollkommen vergraben; so mußten sie Proviant und Munition aufgespeichert haben, da sie auf Wochen von der Welt abgesperrt sein konnten... Auch das Holz mußte aus der Baumregion heraufgeschleppt werden.

Abb. 258. Alpennelke (Dianthus myrtinervis Gris.).

Wir waren von der Kompanie freundlich aufgenommen worden, vor allem von ihrem Hauptmann, der ein umgänglicher, sympathischer Mann war und bald sein starkes Interesse für naturwissenschaftliche Fragen und vor allem für Botanik verriet. Er bot uns seine Begleitung auf den Gipfel an, die uns sehr willkommen war.

Es war ein anstrengender Anstieg, ein schwieriges Klettern über die glatten, bunt durcheinander gewürfelten Granitblöcke, welche den ganzen Hang bedeckten. Wir hatten noch einige hundert Meter bis zum Gipfel emporzuklimmen; Pfad gab es keinen, kein Wiesenstück, keinen Streifen Erdkrume. Alles nur Steine, glatte, mächtige Felsen oder durcheinander geworfene kantige Blöcke. So gab es auch auf dem Anstieg immer weniger Vegetation und die äußerste Gipfelregion trug gar keine höheren Pflanzen; da wuchs nur hier und da etwas Moos oder eine Flechte als Kruste auf dem Gestein. Die einzigen Tiere, die hier oben zu beobachten waren, Ohrenlerchen (Chionophilos alpestris balcanicus Rchn.) schwirrten durch die Felsspalten (vgl. Abb. 201, S. 403).