Der im Hochgebirge eingelebte Hauptmann brachte uns mit seinen langen Schritten bald außer Atem. Doch in kaum einer Stunde erreichten wir das Schneeband, durchwateten dieses und klommen über die letzten Felsenplatten zu dem kahlen Gipfel empor, dessen Höhe mir mein Aneroïdbarometer mit 2460 m angab, während die Karte 2535 m als Gipfelzahl verzeichnet.

Abb. 259. Gipfel des Peristeri.

Ich trat hinaus auf den kleinen Gipfelraum, atmete tief auf, reckte meine Arme in die Höhe, und begann mit einem frohen Jodler mein Entzücken, welches das Bild in mir erweckte, das vor mir lag, auszuposaunen. Da faßte mich still der bulgarische Hauptmann an der Schulter und zog mich hinunter in Deckung. „Wir sind nicht auf dem Rigi hier, gleich wirds schießen.‟ Und er deutete mit dem Finger auf die französischen Gräben, die sich kaum 200 m vor uns hinzogen, in denen ich aber niemand sich regen sah.

Man konnte auch aus der Deckung genug sehen und beobachten; und auch aus einem anderen Grund war Deckung erwünscht, nämlich als Schutz vor dem kalten Wind, der in der Gipfelregion blies. Meine von dem Anstieg erschöpften Kameraden zogen vor, in einer Felsmulde, welche die Sonne erwärmte, zu schlafen. Ich durfte mir aber keine Ruhe gönnen. Ich mußte die 1 oder 2 Stunden, die ich auf dem Gipfel des Peristeri verbringen durfte, richtig ausnutzen. Ein starkes Glücksgefühl erfüllte mich, daß es mir gelungen war, auch diesen Gipfel zu ersteigen und Beobachtungen zu machen. So hatte ich zu photographieren, Skizzen zu machen, Notizen aufzuzeichnen und aufzufassen, was nur möglich war. Zuerst wollte ich aber die Schönheit der Landschaft in mir aufnehmen und dann mich orientieren.

Die nächste Umgebung war nicht allzu reizvoll. Drei kahle Felsengipfel ordneten sich als Gipfelmassiv in einem Bogen an, grobes, plattiges Gestein, ohne großen Reiz in Farbe und Form. Und viele Einzelheiten des Mittelgrunds wurden durch die menschlichen Bauten gestört. Da waren zuerst hinter den Gipfelfelsen Gräben und Unterstände der Bulgaren. Und jenseits zogen sich über eine Mulde, welche zu dem anstoßenden südlich verlaufenden Gebirgskamm führte, auf dieser Seite eigene, drüben feindliche Gräben. Auf den Rückseiten der vorliegenden Berge sah man überall gerade Linien, Zickzackstreifen durch Gräben, Serpentinen von neugebauten Zufahrtsstraßen und all den Spuren des grausamen Kriegs gezogen.

Naturforscher und Künstler in mir aber wirkten zusammen, um all dies häßliche Menschenwerk in dem Bild auszulöschen, das innerlich in meiner Seele die Lichtstrahlen, die aus allen Weiten zu mir flogen, aufbauten. Und es blieb Schönes und Ergreifendes genug an der Landschaft, die sich, während ich in den Felsen herumkletterte, nach einander nach allen Himmelsrichtungen unter mir ausbreitete.

Zunächst blickte ich über die Mulde und den Sattel im Süden, der den Peristerigipfel mit einem breiten, bewaldeten Bergrücken verband; da unten lagen, wie die Augen des Gebirges, zwei kleine dunkelgrün schimmernde Seen; sie erinnerten in Gestalt und Größe an die Karseen, die wir auf dem Pepelak im Monat vorher entdeckt hatten. Von der Karte konnte ich ablesen, daß sie Lakul Mik und Lakul Mare hießen, was auf aromunische Benennung hinwies.

Was war das für eine seltsame Empfindung, kaum ½ Stunde von diesen interessanten Gewässern entfernt und als Naturforscher verhindert zu sein, sie zu untersuchen, weil sie zwischen feindlichen Stellungen lagen. Hier war die Lage so, daß es auch nachts nicht möglich gewesen wäre, dorthin zu dringen, ohne festgenommen zu werden.

So mußte ich den Blick sehnsuchtsvoll in die Ferne schweifen lassen, über die Gebirge Griechenlands und vor allem nach Westen und Südwesten in die Gegend des Prespasees. Von einem Ausblick auf einem vorragenden Felsen aus konnte ich den ganzen Prespasee und Mala Prespa, den kleinen, durch eine schmale Landbrücke von ihm getrennten südlichen See überschauen. Versumpftes Schilfufer zog sich als breites Band um das Nordende des Prespasees. Auf seinen blinkenden Spiegel senkten sich im Westen steile Felswände herab, eine Halbinsel ragte aus ihnen hervor und ein zartes Inselbild schwamm wie ein Phantom im Blau des Sees. Nördlich von ihm zog der Tomoros hin, anschließend die Berge, welche ihn vom Ochridasee trennen und die Verbindung mit dem Schardakh und den albanischen Bergen herstellen.