Nördlich des Prespasees und seines grünen Schilfgürtels dehnte sich die weite, baumreiche Ebene mit der Stadt Resna aus. Noch eigenartiger war aber der Blick nach Westen. Da sah ich steil die Felswände entlang wie aus dem Flugzeug hinab in die Straßen von Monastir. Es ist ein eigenartiger Eindruck, eine Großstadt von über 100000 Einwohnern, und noch dazu eine orientalische Stadt mit den Kuppeln von Moscheen und ihren Minarets, mit baumreichen Gärten, mit großen hellen Gebäuden und tausenden von Dächern von einem hohen Berg zu überblicken.
Um die Stadt herum zogen die feindlichen Stellungen; während ich herunterblickte, begann eine heftige Artilleriebeschießung.
Nach 1½ Stunden traten wir den Abstieg an. Doch ließ uns der bulgarische Hauptmann nicht ohne weiteres durch sein Lager durchmarschieren. Er hatte ein treffliches Mittagsmahl mit guten bulgarischen Gerichten zubereiten lassen. Gut gestärkt, nach anregenden Gesprächen, traten wir um 2½ Uhr nachmittags den Rückmarsch in die Tiefe an. Vorher hatte ich mich nicht nur von den freundlichen Offizieren und Mannschaften, sondern auch von einer Meute prachtvoller Hunde zu verabschieden. Zwölf gewaltige Tiere, drei junge, neun alte waren die Freunde der Truppe in der Bergeinsamkeit. Sie gehörten zu der prachtvollen, langhaarigen Schäferhunderasse, welche ich immer bei den Hirten im Gebirge antraf. Während aber sonst meist die Tiere verprügelt, schlecht behandelt und tückisch waren, konnte in diesem Fall festgestellt werden, welch treue, kluge Kameraden man aus dieser Rasse erziehen kann.
Der Marsch nach Čapari hinunter führte auf einem Umweg auf die Schlucht zurück, durch welche wir morgens angestiegen waren. Dieser Umweg war außerordentlich lohnend. Ich ließ mich zu ihm durch einen prachtvollen Wald von hochstämmigen Kiefern verlocken, der die Wände eines tief eingeschnittenen Tales bedeckte, das sich gegen Monastir in die Ebene erstreckte. Es war eine obere Abzweigung des Dragortals und offenbar der Aufstieg, den im Jahre 1839 Grisebach von Monastir über Margarevo gemacht hat.
Abb. 260. Pinus peuce am Peristeri 1800 m.
Die Halde, auf welcher der Wald sich weithin ausdehnte, war mit einem Geröll gewaltiger Granitblöcke bedeckt. Es war nicht einfach, den Abhang hinabzuklettern; in Sprüngen ging es von Fels zu Felsen, über glatten Rasen und über morsche Stämme gestürzter Kiefern. Der Wald bestand aus schönen, schlanken Vertretern einer Zirbelkiefer (Pinus peuce). Die tannenähnlich gewachsenen Bäume mit ihren langen, dunkeln Nadeln und braunen Stämmen hoben sich malerisch von den grauen Felsen des Granits ab. Große grüne Grasbüschel und die Blätter des jetzt verblühten Asphodelus albus L. mit den Samenkapseln wuchsen zwischen den Steinen.
Am Boden der Schlucht bildeten die Kiefern einen dichten Wald, der sich zu einer Waldwiese öffnete, auf der viele rote Disteln und Doldenpflanzen blühten und Himbeeren reiften. Hier gab es noch einmal reiche zoologische Ausbeute. Viele schön gefärbte Hummeln brummten von Blüte zu Blüte. Außer den morgens erbeuteten Erebien flogen hier zahllose Schmetterlinge, von denen ich Actaea cordula Fabr. und den schönen Perlmutterfalter Argynnis pales balcanicus Rbl. erwähnen möchte. Auch Heuschrecken, Bienen, Fliegen wurden in vielen Arten erbeutet.
Abb. 261. Pinus peuce und Blick ins Tal vom Peristerihang in 1800 m.