Eine bescheidene kleine Zauneidechse, die wir nicht weit von dem Bach an den Felsen der Schlucht fingen, erwies sich als ein besonders interessanter Fund. Es war der südlichste Fundort von Lacerta agilis L., der mitteleuropäischen Form der Zauneidechse. Es war nicht die östliche Form L. agilis exiqua, sondern die typisch mitteleuropäische, wie sie bisher mit Sicherheit auf dem Balkan nur in der Herzegowina beobachtet worden war.
Über all diesen Naturforscherinteressen wurde aber auch die Schönheit der Landschaft nicht vergessen. Die warme Nachmittagssonne vergoldete die Felsenhalden und die Stämme der Kiefern. Schon begannen die Schatten über die Hänge und Talwände sich auszubreiten. In vollem Sonnenglanz lagen noch die Hänge der Berge nördlich von Monastir und der Kette bei Gopes. Klar umrissen ragten die Kronen der Kiefern in den glühenden Himmel hinein.
Mit Bedauern blickte ich auch hier in die sinn- und zwecklose Verwüstung, welche die bulgarischen Truppen in dem wundervollen Bestand der Kiefern angerichtet hatten. Wie wird sich in den nächsten Jahrzehnten schon der Raubbau rächen, der im Krieg an den geringen Waldbeständen Mazedoniens ohne jede Voraussicht geübt wurde.
Schon lag von neuem abendlicher Schatten in der Schlucht, als wir müde und befriedigt dem Eingang des Dorfs Capari zu marschierten. Froh dachte ich nachts daran, daß ich das Wasser, das mich in den Schlaf rauschte, oben am Rande des Schnees hatte entspringen sehen.
Ich halte es für richtig, hier einen knappen Überblick über unsere gesamten Beobachtungen in den mazedonischen Alpen zu geben. Es waren Hochgebirge von mittlerer Höhe, welche ich im Schardakh, in der Mala Rupa, in der Golesniza Planina, in der Belasiza Planina, im Peristeri und im Tomoros kennen lernte. Daneben habe ich noch eine ganze Anzahl stattlicher Mittelgebirge besucht. Ich nenne von ihnen die Plaguša Planina, die Berge bei Demir Kapu und am Doiransee, das Babunagebirge, den Karadakh bei Üsküb, die Wodnokette, das Gebirge bei Gopes und Krusevo.
Mazedonien in seiner Gesamtheit betrachtet ist ein gebirgiges Land, erfüllt von Kettengebirgen, welche den malerischen Charakter des Gebietes bedingen. Während die Mittelgebirge 1000-1400 m Höhe erreichen, sind in den Alpen Mazedoniens die höchsten Gipfel etwa 2400-2700 m hoch. An Wildheit der Formen und Größe der Dimensionen kann sich diese Gebirgswelt mit unseren Alpen nicht messen. Touristische Schwierigkeiten für die Erreichung der Gipfel kommen nicht in Frage. Kletterpartien kommen kaum in Betracht. Viele der von mir bestiegenen Gipfel waren auf Saumpfaden zu erreichen.
In Anbetracht der relativ geringen Höhen und der südlichen Breite der Lage zeigen die Gebirge einen auffallenden Reichtum in ihrer alpinen Flora und Fauna. Wir lernten sie als die Zufluchtsorte der Wälder kennen. Die Baumgrenze liegt entsprechend der südlichen Lage erheblich höher als in unseren Gebirgen. Im Schardakh lag sie über 1800 m, in der Mala Rupa sogar in etwa 1900 m, am Peristeri etwa ebenso hoch, in der Golesniza Planina mit ihrer Latschenregion sogar bei 2000 m.
Sehr charakterisch für alle mazedonischen Gebirge war die Gliederung in Vegetationszonen, wie sie stets in den südlichen Gebirgen so auffällig sind. Je nach dem Charakter des Flachlandes war der Fuß des Gebirges entweder von typischer Kulturvegetation umfaßt oder von der in den ersten Kapiteln dieses Buches beschriebenen Steppenflora. Verließ man in den südlichen Gebirgen, also in der Belasiza Planina oder in der Mala Rupa und am Peristeri die Hügellandschaft, kam man über 200-300 m Höhe hinauf, so ließ man die Stacheleiche und den Judendorn bald hinter sich, mit ihnen die sie begleitenden Kräuter. Auf diese Zone folgte die der weichblättrigen Eichen, der Wachholderbüsche, unter welche sich Eschen, Hainbuchen und andere Bäume mischten. Diese Region ging direkt über in die des Eichenbuschwaldes, die in den verschiedenen Gebirgen bis in die Höhe von 700-900 m reichte. Zwischen diesen Eichenwaldungen waren Wiesen ausgestreut mit einer sehr reichen Flora blühender Kräuter.
Von 750 bis etwa 1500 m erstreckte sich die Buchenwaldregion. Sie war allen Gebirgen charakteristisch. Es war die Zone des Hochwaldes, in welcher auch, besonders aber an der oberen Grenze, sich Nadelwald anschloß. Dieser bestand meist aus Weißtannen, so auf der Mala Rupa und auf der Kobeliza, am Peristeri war sie durch die Pinus peuce vertreten, nur im Gebiet der Golesniza Planina fanden wir in 1900-2200 m die Bergföhre, die Latsche. Auch in dieser zweiten Gebirgszone spielten die reizvollen Waldwiesen mit ihrem Blüten- und Insektenreichtum eine große Rolle. Auf diesen Wiesen und an den Rändern des Waldes fanden sich die mazedonischen Sennereien. Im Waldesschatten wuchsen als Schattenblumen Anemonen und Sauerklee. Überhaupt hatte diese ganze Zone einen ausgesprochen mitteleuropäischen Charakter in Pflanzen und Tierwelt. Hier flogen im Wald der Liljefordspecht, Mittelspecht, Amsel und Misteldrossel, Kleiber, Nonnenmeise, Waldbaumläufer, Rotkehlchen; hier brütet der Buchfink. Hier ist die Zone, in welche sich im Sommer viele der mitteleuropäischen Vögel verziehen.