Im September 1917 hatte ich vergebens versucht, auf den Prespasee zu gelangen. Ich hatte die Parklandschaft am Nordende des Sees durchwandert und war bis an sein sumpfiges Ufer gelangt. Aber persönliche Unfreundlichkeiten der deutschen Offiziere hatten mich vergebens zurückkehren lassen, und auch im Jahre 1918 drohten ähnliche Widerwärtigkeiten den Plan zu stören. Auf Quartier und Verpflegung sollte es schließlich nicht ankommen. Die Motorboote und die zugehörigen Marinemannschaften hatten den Befehl, sich mir zur Verfügung zu stellen und das war das Wesentliche.

Die Boote erwiesen sich als sehr gut und leistungsfähig, die Mannschaften waren gefällig, voll Interesse für unsere Zwecke; und so kam ich mit ihnen sehr gut zurecht. Ich konnte meine Absichten am Prespasee vollkommen erreichen, zumal mein Mitarbeiter Dr. Nachtsheim mir die Hauptarbeit bei der Seenuntersuchung abgenommen hatte.

Inmitten einer weiten Sumpffläche lag nahe dem Nordende des Prespasees eine kleine Hütte, in welcher die Seeleute hausten. Wir selbst übernachteten im Dorf Podmočani im Freien neben einem Heuhaufen, da man uns dort kein Quartier anwies. In der schönen warmen Nacht war dies nicht unangenehm und in gewissem Sinn vorteilhaft; denn die Hütte der Marinemannschaften dicht am See wimmelte von Anopheles, so daß wir dort, wenn auch nicht unter allen Umständen Malaria bekommen, doch sicher eine durch die Stechmücken gestörte Nacht gehabt hätten.

Das Nordende des Prespasees ist sehr versumpft. Man kann vielfach infolge des unsicheren Strandgeländes gar nicht bis an das freie Wasser heran. Ähnlich wie am Doiransee umgibt ein breiter Schilfgürtel das Ufer. Das Niveau des Sees ist häufigen Schwankungen unterworfen, was wohl hauptsächlich dem Umstand zuzuschreiben ist, daß er keinen Abfluß hat; denn die im Volk verbreitete Annahme, daß er einen unterirdischen Abfluß zum tiefer gelegenen Ochridasee habe, ist wohl kaum ernsthaft zu diskutieren. Wie beträchtlich die Wasserstandsschwankungen sind, beweist die Tatsache, daß der Ort Perovo, der auf der Karte etwa 1 km nördlich des Nordufers eingezeichnet ist, zur Zeit meines Aufenthalts auf einer Insel lag. Er konnte nur im Boot über einen Kanal von etwa 200 m Breite erreicht werden.

Der Prespasee liegt in einer Meereshöhe von 857 m. Er umfaßt ein Areal von 288 qkm, ist also etwas kleiner als der Ochridasee, welcher der größte der mazedonischen Seen ist. Er ist ein relativ seichter See, denn seine größte Tiefe erreicht nur 54,2 m.

Abb. 261 a. Arbeiterfamilie in Lera.

War er mir schon vom Peristeri und von der Höhe über Gopes aus sehr reizvoll erschienen, so bestätigte sich dieser Eindruck, als ich an seinem Nordufer stand. An beiden Längsufern war der See von stattlichen Gebirgen eingefaßt. Im Osten traten die Ausläufer des Peristeri an ihn heran. Ihre schönen Formen bildeten einen sehr malerischen Hintergrund zu der blauen Fläche des Sees. Auch das Westufer war von hohen Bergen eingefaßt, Tomoros und Malisat gehörten zu ihnen. Fern im Süden sah man auch stattliche Berge über dem See aufragen. Vor allem am Westufer traten die Berge steil an den See heran. Hier waren es zum Teil mächtige Steilabstürze zum See, unter denen wir bei Motorbootfahrten herankamen. Auch die beiden bergigen Inseln traten bei diesen Fahrten deutlich hervor. Ich bedauerte sehr, daß ich diese Inseln und den im Süden an den großen anschließenden kleinen Prespasee mit seiner Insel infolge der feindlichen Besetzung nicht besuchen konnte. Gerade die eine Insel im Prespasee machte nicht nur einen sehr malerischen Eindruck, sondern sie enthält in der dem heiligen Achil gewidmeten Basilika ein Bauwerk altbulgarischer Kunst, das sehr interessant sein muß.

Das Sumpfgelände am Nordende des Prespasees macht einen sehr eigenartigen Eindruck. Vielfach sind es sumpfige Wiesen welche an den See grenzen, zum Teil ist das Ufer in zahlreiche kleine Inseln und Sandbänke geteilt. Schöne Baumgruppen treten an vielen Stellen an den See heran; ja Wälder von Ulmen, Erlen, Weiden und Eichen sind oft als Sumpfwälder für den Menschen kaum erreichbar und infolgedessen sichere und günstige Brutstätten für zahlreiche Reiher, Adler, Geier und andere Vögel.