Ich hatte einen großen Bogen um das Sumpfland durch die Parklandschaft zu machen, ehe ich an den Fuß der Berge gelangte. Im Morgendunst bot der silbrig glänzende See manchen reizvollen Blick. Während die Berge im Osten im Nebel verschwanden, stiegen die Gebirge und die Halbinsel Vakufče im Westen dunkelblau aus dem See empor. Ganz köstlich hoben sich die Silhouetten von langen Pappelreihen und mächtigen Ulmengruppen vom Silberspiegel des Sees ab, wenn wir um sie und sein Wasser nordwärts ausbiegen mußten.
Als nun im Osten die Sonne heraufstieg, vergoldete sie die kahlen Flanken des Tomoros, der immer höher vor uns sich erhob. Immer weiter streckte sich das Vorgebirge in den See hinaus, in der Ferne erkannte man bloß die Umrisse der Insel mit dem Kloster Sv. Peter. Schluchten wurden an den Abhängen des Berges vor uns sichtbar und zeigten uns einen schwierigen Weg zu den Wäldern in der Höhe an. Indem wir jetzt die Hügel hinanfuhren, tauchten auch im Süden schön geformte Berge auf, welche die Nordwestecke des Sees als Bucht vor uns abschlossen.
Wundervolle Blicke auf den blauenden See wechselten in reicher Fülle ab, als ich und mein Kamerad, Leutnant Müller, der Weggenosse bei der Peristeribesteigung, nun zu Pferde die Vorberge hinanritten. Wir hatten zunächst kahles, menschenleeres Gelände zu durchreiten; ehe wir bei Pescani den Ochridasee erreichten, trafen wir auf keine menschliche Siedelung mehr.
Nach 1½stündigem Ritt gelangten wir durch niederes Eichengebüsch in ein schön bewaldetes Tal. Sehr bemerkenswert war schon hier der Mangel an Wasser. Alle Schluchten lagen trocken, keinen Quell trafen wir an. Der Wald, obwohl er stattliche Bäume enthielt, blieb licht und enthielt reichlich Unterholz. Er war hauptsächlich aus Buchen zusammengesetzt. Schöne grüne Waldwiesen waren reichlich in ihn eingefügt.
Auf ihnen tummelte sich eine formenreiche Insektenwelt. An den heißen Hängen des Tomoros fiel die Farbenpracht vieler Insekten besonders auf. Groß war der Reichtum an Bläulingen; unter ihnen gab es nicht nur leuchtend blaue Arten, sondern auch die rotgolden blinkenden Formen und jene mit den eigenartigen Fortsätzen an den Flügeln. Ich nenne von ihnen Thekla spini Schiff., Th. ilicis Esp., Chrysophanus virga aurea L., Lycaena argus L., L. astrarche Bgstr., L. admetus Esp. Diese Reihe von Namen soll einen Begriff von dem Formenreichtum geben, der unter diesen farbenprächtigen Faltern hier vertreten war.
Von Käfern waren besonders auffallend die grüngolden schimmernden Rosenkäfer (Cetonia aurata var. tumiicta Reit. und var. viridiventris Reit.). In dem gemischten Bestand von Buchen, Eichen, Ahorn und Linden fanden sich manche von den Bäumen abhängige Käfer, wie der schöne gefleckte Alpenbock (Rosalia alpina L.).
Um beobachten und sammeln zu können, banden wir unsere Pferde zeitweise an Sträucher oder Bäume an, in deren Umgebung sie reiche Weide fanden. So kamen wir langsam unter manchen interessanten Beobachtungen in die Höhenzone, in der der Wald allmählich abnahm. Buschwerk löste ihn ab, zwischen welchem sich hier und da ein höherer Baum erhob.
Abb. 265. Karstlandschaft im Tomoros.
Nun gelangten wir allmählich in eine ganz eigenartige Landschaft, in welcher wir jetzt für anderthalb Tage blieben. Das Gebirge des Tomoros ist zum großen Teil aus Kalk aufgebaut. Und zwar trägt es einen ausgesprochenen Karstcharakter. Dem entspricht die Trockenheit und Wasserarmut. Vor allem aber ist die Oberfläche des Gebirges von einer ganz seltsamen Struktur.