Kahl dehnen sich weite Flächen vor den Augen aus, grell von der Sonne bestrahlt. Aber die Eintönigkeit der Oberfläche ist von einer Unmenge von Schattenflecken unterbrochen, welche eine eigenartige Modellierung verraten. Löcher und Trichter sind oft seichter, oft tiefer in den Boden eingesenkt und verraten die eigenartigen Kräfte, welche hier an der Bodengestaltung tätig sind. Es ist eine echte Karstlandschaft mit ihren Dolinen, den Einsturztrichtern, die, mit Vegetation erfüllt, dunkel von der dürren, weißblinkenden Kalksteinfläche sich abheben.
Karst traf ich hier während meinen mazedonischen Wanderungen zum ersten Male in größerer Ausdehnung an. Diese Gebirgsform ist im Inneren der Balkanhalbinsel nicht allzu häufig, während sie im Westen eine große Rolle spielt. In Istrien, Dalmatien, Bosnien und der Herzegowina ist sie vorherrschend. Speziell in Südkrain, dessen Gebirge sie den Namen verdankt, ist diese Formation verbreitet. Ihre Dolinen, Höhlen, im Boden versinkenden und plötzlich als mächtige Flüsse hervortretenden Bäche haben sie berühmt gemacht. In kleinerem Maßstab hatte ich früher Karstlandschaft in der Golesniza Planina angetroffen und im 26. Kapitel beschrieben.
Eine solche Karstlandschaft füllt nun den zentralen Teil des Tomorosgebirges aus. Ringsum dehnt sich steiniges Gebiet, hier und da durch die dunkeln Laubmassen von Gehölzen und Gebüschen unterbrochen. Es waren zum Teil Bilder von großer malerischer Schönheit, welche ich durchritt, um die Gipfelregion zu erreichen.
Hell flimmerte die Sonne auf den weißen Kalktrümmern der Oberfläche, zwischen denen saftig grüne Rasenflächen und dichte Polster einer mehr und mehr alpin erscheinenden Pflanzenwelt sich ausbreiteten.
So war der Charakter der Landschaft, in welcher sich die Stellungen der bulgarischen Division hinzogen, in deren Stab ich mit meinen Begleitern gastliche Aufnahme fand. Ein kleines Tälchen, in der Höhe von etwa 1900 m gelegen, überragt von den Gipfelspitzen des Gebirgs, beherbergt die Hütten, die auch hier praktisch im Windschutz angelegt, mit Heizungseinrichtungen für den Winter versehen, uns aufnahmen.
Obwohl es 22. Juli war, herrschte in der Höhe eine erfrischende Kühle, die bulgarischen Offiziere, welche uns sehr freundlich begrüßten, zeigten auch hier starkes Interesse für meine Forschungen. Ja, einer von ihnen sammelte sogar Insekten. Mit ihm machte ich noch am Nachmittag Streifzüge in der außerordentlich interessanten und reizvollen Umgebung.
Es gab viel auf- und abzuklettern; denn Hügel, Felsen, Schluchten und Tälchen wechselten beständig miteinander ab. Die Quartiere lagen noch etwas unterhalb der Waldgrenze, so daß Hügel und Schluchten noch stattliche Buchen trugen. Eine reiche Pflanzenwelt wuchs zwischen dem Geröll, Doldenpflanzen, Disteln, Glockenblumen, Königskerzen waren in mannigfachen Arten vertreten. Leider hatte ich diesmal keinen Botaniker bei mir, so daß ich keine genauen Angaben über die sicher sehr interessante Pflanzenwelt der Gipfelregion des Tomoros machen kann.
Abb. 266. Hochmatten im Tomorosgebirge.
Südwärts von den Stellungen der Bulgaren erhoben sich noch höhere Gipfel, die teils noch zum Tomoros, teils zum anschließenden Gebiet des Malisat gehörten. Dort drüben lagen französische Truppen. So war es nicht möglich, viel weiter südlich vorzudringen. Zwar reizten die schönen klaren Formen der Berge, verklärt vom abendlichen Licht, die Sehnsucht des Naturforschers. Aber die Zeit war mir knapp zugemessen; ich mußte am nächsten Abend in Ochrida ankommen.