Es war ein langer, ermüdender Weg, der am nächsten Morgen uns im Fußmarsch in westlicher Richtung das Gebirge hinab zu dem schönsten See Mazedoniens führte. Auch abwärts führte der Weg zunächst durch typisches Karstgebiet. Hier trafen wir eine Anzahl typischer Dolinen an, tiefe trichterförmige Einsenkungen in den Boden, welche im Grund von üppiger Vegetation erfüllt waren. Kahle Kalkbuckel in unendlicher Folge, mit einer gewissen Regelmäßigkeit angeordnet, erzeugten Landschaftsbilder von einer so phantastischen Eigenart, daß man sich auf einen fremden Weltkörper versetzt glauben konnte.

Vertrauter wurde das Landschaftsbild in der Region hochstämmigen Buchenwalds, dessen Waldwiesen wiederum reich an Insekten waren. Auf alten Eichen kam hier der Eichenbock (Cerambyx cerdo L.) vor; dort fand sich auch der mächtige Proceros gigas L. Von Schmetterlingen gab es hier und weiter oben eine Anzahl Gebirgsformen und typisch südliche Arten. Ich erwähne den Scheckenfalter (Melanargia larissa), eine gelb und weiße Form ähnlich der taurica. Zwei schöne Augenfalter flogen hier (Satyrus hermione L. und S. briseis minor Oberth.), ein südliches Tier. Wie am Peristeri kam Actaea cordula Fabr. vor und als charakteristische Hochgebirgsform Epinephele lycaon Rott, ein Verwandter unseres Sandauges.

Auch hier flatterten ähnliche Bläulinge, wie ich sie beim Aufstieg angetroffen hatte, und zwischen ihnen dickköpfige Hesperiden, so Hesperia cinare Rbr. und Carcharodes altheae Hb. Als wir den Wald verließen, strahlte tief unter uns zum ersten Male der blaue Spiegel des Ochridasees auf. Steinige, schwach bebuschte Buckel bildeten den Vordergrund, hinter welchem still und klar der See sich breitete, den im Westen die Ketten der albanischen Berge abschlossen. Wie eine italienische Landschaft lag das Uferland vor uns; große weiße Wolken schwebten am westlichen Himmel.

Das Städtchen Pescani am Ostufer des Ochridasees war unser Ziel; dort sollte uns ein Motorboot aus Ochrida erwarten. So mußten wir aus der Gipfelregion des Tomoros ein gut Stück nordwärts wandern, um nicht in das Gebiet der feindlichen Front zu geraten. In diesem einsamen, menschenleeren Gebiet wäre ein Abirren gefährlich gewesen. Doch bald erkannte ich bekannte Gegenden und konnte die Führung übernehmen.

Ein steiler Weg führte uns über einen gut angebauten Hügel mit meist abgeernteten Feldern, schönen Gruppen von Ulmen und Obstbäumen zu dem malerischen Ort Pescani hinunter. Am Strand hatten wir eine Zeitlang auf unsere Lasttiere zu warten, welche unsere Ausrüstung zu tragen hatten.

Wir hatten uns dabei nicht zu langweilen; denn die Landschaft, die vor uns lag, konnte sich mit den schönsten der Welt messen. Schon beim Abstieg hatte das Südende des Sees, die Gegend von Pogradec und Sv. Naum als prachtvolles Bild vor uns gelegen. Welch wundervollen Umriß boten einander überschneidend die stolzen Pyramiden des Tomoros und Malisat, von denen wir etwas Abstand gewonnen hatten. Vorgebirge in Hügeln endend, ragten eines vor dem anderen in den dunkelblauen See hinaus, jedes in sanften violetten Tönen das andere überbietend. Ein leichter Wind warf blinkende Streifen über den See, in dessen Flut die weißen Wolkenballen gespiegelt auftauchten. Und je mehr wir uns dem Strand näherten, um so reizvollere Rahmen bildeten die Baumgruppen, die Häuser von Pescani, die Schiffe im Hafen um die sonnendurchglühte Landschaft.

In einstündiger Fahrt brachte das Boot uns nach Ochrida. Allmählich hob sich die weißblinkende Stadt aus dem blauen Wasser vor uns empor mit den Ruinen der alten Festung als Bekrönung des Stadtbergs über sich. Die schön geformten albanischen Berge längs des Drintals gaben dem farbigen Bild eine harmonische Abgrenzung.

Immer bunter wurde das Bild, je mehr Einzelheiten im Stadtbild sichtbar wurden; Kirchen, Kuppeln, Türme tauchten auf; die weißen Mauern der Häuser, die roten und grauen Dächer, die gelblichen Felsen stimmten eigenartig zusammen mit der Fülle von Pappeln, Obstbäumen, Erlen und Weiden, die hier selbst im Hochsommer die Seenähe in frischem Grün erhalten hatte.

Seltsam stach von dieser Fülle von Farben das indigoblaue Wasser des Sees ab, das gegen das Land hin heller und heller wurde und schließlich mit einem leuchtend grünen Streifen an das von weißen Steinen besäte Ufer grenzte. Von schönen Eindrücken erfüllt, warm von Sonne und Schönheit, stiegen wir im Hafen von Ochrida ans Land.

SIEBENUNDDREISSIGSTES KAPITEL