Der Weg nach Ochrida, welcher gewöhnlich eingeschlagen wurde, führte vom Endpunkt der Feldbahn in Lera, am Nordende des Prespasees vorbei über die Stadt Resna. Diese flach in der Ebene nördlich des Prespasees gelegene Stadt war von reichtragenden, gut bewässerten Feldern und Gärten umgeben. Sie wurde als Geburtsstadt Enver Paschas bezeichnet. Doch war auch sie von vielen Bulgaren bewohnt und oft ein Zentrum nationaler Bewegungen gewesen. Von ihr aus führte eine ganz ordentliche Straße über das Petrinagebirge, welches in einer Paßhöhe von etwa 900 m überschritten wurde. Dort war ein stattlicher Buchenwald, der in der Höhe von Tannen abgelöst wurde. Auch dies Gebirge machte einen interessanten Eindruck und es wäre eine lockende Aufgabe gewesen, seinen Übergang ins Gebiet des Tomoros zu verfolgen. Doch hieß es diesmal eilen; denn von Ochrida hatten in Resna aufregende Nachrichten uns ereilt.
Die Feinde hatten wieder einmal am schwächsten, westlichen Flügel unserer Stellungen, an der albanischen Grenze, eine Offensive eingeleitet. Diese hatte bei den schwachen österreichischen Truppen, welche diesen Flügel hielten, kaum Widerstand gefunden. Zwei französische Divisionen sollten im Vorrücken sein und hätten schon Pogradeč und damit das Südende des Sees in Händen. So sollte auch dieser See mir nur teilweise zugänglich sein. Da galt es zu eilen, um überhaupt noch Forschungen auf dem See durchführen zu können; denn die Feinde sollten heftig weiter vorstoßen. Einen sehr deprimierenden Eindruck hatte mir der österreichische Kommandant gemacht, den ich im Offiziersheim in Resna auf der Flucht angetroffen hatte. Er hatte offenbar nach seiner Niederlage vollkommen Nerven und Besinnung verloren und war abgesetzt und zurückbefohlen worden.
OCHRIDA, von Osten über die Seebucht.
Sehr gespannt auf die Zustände, die ich in Ochrida antreffen sollte, setzte ich meine Fahrt mit möglichster Beschleunigung fort. Die Straße hatte an den Abhängen des Gebirges einen großen Bogen nach Norden gemacht. Bei der Fahrt das Gebirge abwärts verfolgten wir das schöne Tal der Opinča eine längere Strecke. Dieser starke, klare Bach fließt rauschend zwischen Steinblöcken dem Ochridasee zu; seine malerischen Ufer sind von stattlichen Pappeln und Weiden bestanden. Zahlreiche Wasseramseln flogen über sein Wasser von Stein zu Stein, von unserem Wagen aufgeschreckt. Wir hatten auf unserer Fahrt ein gut Stück der römischen Via Egnatia befahren.
Trotz allen Staubes und der herbstlichen Trockenheit machte die Umgebung von Ochrida einen freundlichen Eindruck, als die Stadt sich vor uns erhob; ein großer Teil von ihr bedeckte die Hänge eines steil ansteigenden Hügels, die von den Mauermassen einer großen türkischen Festung gekrönt sind. Wie schön leuchtete uns die blaue Fläche des Sees zwischen den weißen Mauern entgegen, als er endlich vor uns auftauchte. Das war nun wirklich ein blauer See. Er war blauer als der Gardasee, so blau wie die Adria oder der indische Ozean. Er versprach mir Wunder von Schönheit, als ich etwas erregt in die belebten, von Truppen wimmelnden Straßen der Stadt einfuhr.
Es war für Mazedonien eine große Stadt, auch zur Zeit meines Besuchs muß sie über 10000 Einwohner beherbergt haben. Das Auto fuhr mich durch die holprigen Straßen bis an den Hafen herunter, wo sich ein prachtvoller Blick auf die weite Fläche des Sees und die blauen Berge eröffnete, die ihn umrahmen.
Ochrida spielt in der Geschichte Mazedoniens eine nicht geringe Rolle. Fast 900 Jahre lang war es der Sitz des bulgarischen Patriarchen. Im 10. Jahrhundert war es die Hauptstadt des damals einen großen Teil der Balkanhalbinsel umfassenden bulgarischen Reiches. Auch der letzte bulgarische Zar Samuel residierte hier; nach der Vernichtung des bulgarischen Reiches durch den byzantinischen Kaiser Basileios II Bulgaroktonos verlor Ochrida jede politische Bedeutung. Aber es behielt für den Balkan ein großes kirchliches Ansehen, denn sein Erzbischof blieb das unabhängige Oberhaupt der bulgarischen Kirche und nannte sich als solches Patriarch „von ganz Bulgarien, Serbien, Albanien und dem westlichen Meere‟. Das hatte allerdings oft nur bildliche Geltung.
Abb. 269. Oberstadt von Ochrida.