Die historische Bedeutung der Stadt spricht sich in dem Bestand von altbulgarischen kirchlichen Gebäuden aus, an denen Ochrida und seine Umgebung reich ist. Schon gleich bei meiner Ankunft bekam ich den Eindruck des Überwiegens bulgarischer Bevölkerung. Die Namen der Listen des Quartieramtes waren zumeist bulgarisch. Auch mein Quartierwirt war Bulgare mit Namen Kazareff, doch stellten die Frauen des Hauses sich als Aromunen heraus. Die Männer aus ihren Familien waren wegen der Bedrückungen vor Jahren nach Rumänien ausgewandert. Auch die Nachbarn waren Aromunen und in ihrem Haus sah ich die schönste Frau, die ich auf dem Balkan angetroffen habe; es war eine stolze, schlanke Erscheinung mit schönen Gesichtszügen, großen dunklen Augen, braunem Haar und so eigenartig geschmackvoll gekleidet, daß sie auffallen mußte. Ich hatte den Eindruck, daß griechisches oder römisches Blut in ihren Adern fließen müsse.
Außer Aromunen spielen Albaner in der Bevölkerung von Ochrida eine große Rolle; nächst den Bulgaren sind sie an Zahl vorherrschend. Jetzt nach der Besetzung durch die verbündeten Truppen wagten sie sich nicht mehr hervor, früher hatten sie die Christen in Ochrida sehr schlecht behandelt, gequält und geknechtet, wie noch aus Berichten aus den Jahren 1889 und 1904 hervorgeht.
Mein Quartier war besonders schön und günstig gelegen; es war ein großer Saal in einem stattlichen Haus am Hang des Vorgebirges, an welchem die Stadt am weitesten in den See hineinreichte. Aus den großen Fenstern hatte ich einen prachtvollen Blick über einen Teil der Stadt, auf den Hafen und weithin über den See hinaus. Die Einrichtung war die übliche, doch auffallend gut erhalten und reinlich, die Wirte ganz besonders freundlich.
Abb. 270. Hafen von Ochrida mit „Auslegerbooten‟.
Verpflegung fand ich in der österreichischen Offiziersmesse, Hilfe für wissenschaftliche Untersuchungen in dem kleinen Laboratorium des österreichischen Lazaretts. Von den Zuständen, die ich dort vorfand, muß ich einiges erzählen, da sie so außerordentlich charakteristisch sind und deutlich zeigen, warum Österreich im Krieg nicht durchhalten konnte.
Die Offiziersmesse der Österreicher lag dicht am Hafen; sie war nett und sauber eingerichtet; man merkte die Frauenhand, die in ihr waltete. Bei der ersten Mahlzeit lernte ich in der Leiterin eine Grazerin, Tochter eines mir wissenschaftlich bekannten Zoologen kennen, die mit großer Energie nicht nur diese Verpflegungsanstalt in Ordnung hielt, sondern auch mit einer anderen österreichischen Frau tapfer in dem Lazarett mitarbeitete. Abends hatte man Gelegenheit mit den österreichischen Offizieren zu sprechen, welche alle mutloser und zielloser waren als diese Frauen; weniger bereit auszuharren als diese. Offenbar war die Leitung an dieser Front energielos und unfähig gewesen. Malaria und andere Seuchen hatten die Truppen sehr geschwächt; bei vielen Abteilungen waren 60-80% der Mannschaften krank. Die sanitären Maßregeln wurden bei weitem nicht so streng und konsequent durchgeführt als bei den deutschen Truppen.
Zudem bestanden die Truppen aus Kroaten, Dalmatinern und Bosniern, die alle nicht wußten, wofür sie hier kämpfen sollten. Auch die Offiziere waren nur zum Teil gut und tüchtig; es waren schneidige, begabte, tüchtige Männer unter ihnen, aber durchweg spielte die Neigung zu gutem und behaglichem Leben eine allzugroße Rolle. Die Gespräche am Abendtisch zeigten, wie planlos und schwächlich diese Männer meist dachten. Merkwürdig stach von ihnen die Tatkraft und das energische Denken der beiden Frauen ab.
Daß die Front solange sich noch gehalten hatte, war den kleinen deutschen Abteilungen zu verdanken, welche mit Aufopferung trotz großer zahlenmäßiger Unterlegenheit die Feinde aufgehalten hatten, bis deutsche und bulgarische Hilfe herankam. Ein blutjunger Leutnant, der den Ruinenhügel bei Pogradeč gegen eine große feindliche Abteilung mit seinen Maschinengewehren so lange gehalten hatte, bis der Rückzug über den See gedeckt war, saß an dem zweiten Abend bei mir und erzählte in bescheidenster Weise von seinen Erlebnissen. Er war blaß und erregt, bis er den letzten seiner Mannschaft glücklich in Ochrida gelandet wußte.
Unterdessen kamen immer mehr deutsche Truppen an. Auch für ihre Offiziere sorgten die österreichischen Damen; der Stab der neugebildeten Ochridadivision unter ihrem General Posseldt, den wir schon aus dem Hain Mamre kennen, wurde in den ersten Tagen in der österreichischen Offiziersmesse mit den österreichischen Offizieren verpflegt. Und alles klappte vorzüglich.