Bald brachte die Division die Feinde am Seeufer im Westen, bei Lin zum Stehen und damit war Ochrida gerettet. Für mich war also die Möglichkeit gegeben, meine Arbeiten fortzusetzen. Der Stab verließ bald die Offiziersmesse und siedelte sich in einem kleinen weißen Haus unterhalb meines Quartiers an. Es stand auf einer Terrasse, welche hoch über den See aufgebaut war, zu dem steile Treppen hinunter führten. Das Haus wurde Schloß genannt war, während das Land serbisch war, für den König von Serbien gebaut worden und jetzt im Besitz des Zaren von Bulgarien. Ich werde nie die höfische Komödie vergessen, welche sich um die Verwendung des Schlößchens als Stabsquartier telephonisch und telegraphisch abspielte, bis das Haus schließlich doch vom Stab geräumt werden mußte.
Aus Filow.
Abb. 270 a. Ostseite der Sophienkirche in Ochrida.
Während all dieser Ereignisse hatte ich Zeit genug gehabt, mich in der Stadt Ochrida umzusehen und ihre Umgebung zu durchstreifen. Die Stadt verdient eine knappe Beschreibung; denn sie ist in mancher Beziehung recht eigenartig.
Sie ist in der Hauptsache auf zwei Hügeln aufgebaut, welche beide von Ruinen türkischer burgartiger Befestigungen gekrönt sind. Ein großer Teil der Stadt erstreckt sich im Tal bis an den Seestrand und hinter den Hügeln weithin in die Talebene. Steile Gassen mit steinigem holperigem Pflaster führen den Hügel hinan; bis zur Zitadellenruine hinauf ist es eine gehörige Kletterei. Die Häuser in den Straßen sind die üblichen mazedonischen Bauwerke mit den vorragenden oberen Stockwerken, die Gassen meist eng und schattig. Am See wohnen Fischer und Schiffer; am Hafen zieht sich eine lange Reihe großer weißer Gebäude hin, welche damals meist als Büros und Lazarette verwandt waren.
Als muhamedanische Stadt würde man Ochrida nicht ohne weiteres erkennen; Moscheen und Minarets spielen im Stadtbild keine wesentliche Rolle. Vom See aus z. B. sieht man kein einziges Minaret, sie liegen alle im Teil der Stadt hinter dem Kastellhügel. Aber auch die interessanten, alten christlichen Kirchen ragen nicht stark hervor; sie sind relativ klein und bescheiden. Am meisten treten hervor eine neuere viertürmige Kirche ohne besonderen Charakter und ein sehr geschmackloses grelles Schulgebäude, welches ein wertvolles altes Tabernakel verdrängt hat.
Wie bei den meisten mazedonischen Städten bringt auch in Ochrida mehr die Landschaft mit der Fülle der gleichartigen Häuser die malerische Wirkung hervor, als irgend welche Bauprinzipien oder architektonisch hervorragende Gebäude. Bei Ochrida wird die farbige Wirkung des Bildes dadurch erhöht, daß zu den roten Ziegeldächern viele mit gelbgrauen Steinplatten gedeckt hinzukommen. Dabei wirkt natürlich sehr stark der blaue See mit, der immer wieder durch die Gassen emporleuchtet. Sehr eigenartig sind im mazedonischen Städtebild die vielen gleichmäßigen Fenster der Häuser, welche vielfach zu zweien oder dreien gruppiert die Häuserflächen charakteristisch modellieren.
Abb. 271. Unterstadt von Ochrida mit Burgberg.