Wie von unten die gewaltigen Mauermassen des Kastells über die kleinen Häuser der Stadt dominieren, so boten sie auch mit ihren Ruinen, Türmen, Mauerlöchern und Torbögen reizvolle Umrahmungen für die Blicke hinab auf den dunkelblauen See oder die reiche Landschaft. Wie weit die Reste dieser, wie der anderen dieser mazedonischen Burgen, auf die Trutzbauten der bulgarischen Zaren gegen die Byzantiner zurückgehen, und wie weit sie türkischen Ursprungs sind, dürfte schwer zu entscheiden sein. Das Haupttor der Burg soll aus dem Ende des 10. Jahrhunderts, also aus der Zeit des Zaren Samuel stammen.
Von bulgarischer Kunst in Mazedonien haben wir schon im 24. Kapitel bei der Besprechung des Klosters Neresi gehört. Ochrida als jahrhundertelanger Sitz des bulgarischen Patriarchats beherbergt manche Reste altbulgarischer kirchlicher Kunst. Besonders interessant sind die Kirchen Hagia Sofia und Sveti Climent. Erstere liegt nahe dem See, in dem Stadtteil unterhalb des Schlößchens an einem freien Platz. Es ist ein stattlicher Bau, der hauptsächlich aus einer dreischiffigen, gewölbten Pfeilerbasilika besteht, dem ein Querbau mit zwei Seitentürmen westlich vorgelagert ist. Das Innere war recht vernachlässigt. An der Nordwand des Hauptbaues waren weiße Säulen als Rest einer offenen Halle zu erkennen. Immerhin waren Schritte zu einer Restaurierung dieses Nationalheiligtums schon während des Krieges geschehen; so vor allem war ein Teil der Fresken, die in alter Zeit alle Wände der Kirche bedeckten, wieder freigelegt. Die Kirche hatte nämlich während der Türkenzeit als Moschee gedient. In dieser Zeit waren die Fresken übertüncht gewesen. Was man von ihnen vor allem in dem oberen Raum des Querbaues sehen konnte, machte einen sehr interessanten Eindruck.
Aus Filow.
Abb. 272. Haupttor der Burg von Ochrida. Ende des 10. Jahrhunderts
Die Kirche scheint prachtvoll ausgestattet gewesen zu sein; darauf weisen in ihr aufgefundene Reste der Marmorumrahmung der Ikonostasis und andere mit Reliefs versehene Marmorplatten hin. Solche sind auch in den türkischen Mimbar eingebaut, dessen außerordentlich reich verzierte Bekrönung ein marmorner Baldachin mit zarten Säulchen und feiner auf den Orient hinweisenden Ornamentik bildet, offenbar die einstige Kanzel der Kirche ([Abb. 273]).
Aus Filow.
Abb. 273. Marmorner Oberteil der Kanzel in der Sophienkirche von Ochrida. 14. Jahrh.
Einer späteren Periode gehören die anderen altbulgarischen Gotteshäuser in Ochrida an. Sie entsprechen als Kreuzkuppelkirchen dem Typus, den wir in Neresi kennen lernten, von dem uns Varos bei Prilep ein Beispiel gab, und der auch sonst in Mazedonien wie in Altbulgarien häufig vertreten ist. So sah ich in Tirnowo eine ganze Anzahl von Repräsentanten dieses Typus. In dem zweiten Reich der Bulgaren baute man keine großen Basiliken mehr wie die Sofienkirchen in Sofia und Ochrida. Man baute viel mehr, dafür aber viel kleinere Kirchen, die fast alle Kreuzkuppelkirchen waren und viel reicher ornamental geschmückt waren als die Monumentalbauten des ehrgeizigeren alten Reichs.