Abb. 275. Segnender Christus. Ikone aus der Climentkirche in Ochrida. 13.-14. Jahrh.
Nicht weniger schön stellt sie sich dar, kommt man über die Felsen den Pfad von der Stadt her zu ihr herabgestiegen. Wie wunderbar hob sich ihr Umriß vom goldglühenden Abendhimmel ab, wenn drüben jenseits der nördlichen Seebucht die albanischen Berge in tiefen blauen und violetten Tönen verdämmerten. Aus der Tiefe rauschte die Brandung des an die Felsen anschlagenden Sees herauf. Weit erstreckte sich der Blick von den Treppen, die zur Kirche führten, oder von dem kleinen über den See hinausgebauten Balkon aus über die weite Fläche des Sees. Wie seltsam flimmerte der Wiederschein des Abendhimmels von den dunkelblauen Wellen, wie zart verschwammen seine Grenzen im fernen Süden; welch schönen Abschluß des Bildes gaben die harmonischen Umrisse des Tomoros und Malisat!
KIRCHE SV. JON AM OCHRIDASEE.
Dr. Nachtsheim phot.
Abb. 276. Sveti Climent, St. Clemenskirche in Ochrida auf der Varoshöhe.
Auch die Einwohner von Ochrida besaßen Verständnis für die poetische Schönheit der Örtlichkeit. Abends wandelten junge Leute, Liebespaare hier heraus, genossen die Abendstimmung, saßen auf den Felsenklippen und sangen ihre schwermütigen Lieder.
Es war fast der einzige Ort in Mazedonien, wo ich die alten Lieder singen hörte. Hier konnte man auch an Frieden und geruhsame Zeiten denken, wenn die Dämmerung niedersank, der Spiegel des Sees dunkel wurde und nur die Berggipfel und die wandernden Wolken am Himmel noch die letzten roten Gluten der Sonne wiederstrahlten.