DER OCHRIDASEE

Der schöne See mit seinen malerischen Ufern bot auch dem Naturforscher manche Probleme und so setzte ich denn alle meine Kräfte daran, von seiner Natur, seiner Tier- und Pflanzenwelt möglichst viel zu erkunden. So streifte ich seine Ufer ab, suchte durch Fischer möglichst viel von seiner Tierwelt zu erwerben und auf eigenen Fahrten sie zu erforschen. Im Jahre 1918 kam mir Dr. Nachtsheim zuhilfe, der einen großen Teil seiner Zeit und Arbeitskraft speziell der Durchforschung der Wasserbiologie Mazedoniens widmete.

Meine Ziele wurden sehr gefördert durch die österreichische Flottille, die den Wachdienst auf dem See unter sich hatte. Ihre Motorboote, Kähne und Fischerboote wurden mir zur Verfügung gestellt, und ich kann die Tüchtigkeit und Schneid ihrer Offiziere und Mannschaften aufs höchste anerkennen. Nicht nur bei der Verteidigung dieser gefährdeten Front, beim Transport unserer Division und ihres Materials haben sie Treffliches vollbracht, auch mir haben sie sehr wesentliche Dienste geleistet.

Der Ochridasee liegt in Meereshöhe von 687 m, also fast 200 m tiefer als der 857 m hoch gelegene Prespasee. Seine Oberfläche erreicht 270 Quadratkilometer gegenüber den 288 des etwas größeren Prespasees. Wie der Prespasee liegt er zwischen hohen Bergen, die sich hier weiter nördlich erstrecken als bei jenem. Seine größte Tiefe, etwa in der Mitte seiner Längenausdehnung, erreicht 285 m, er ist also beträchtlich tiefer als der Prespasee, der nur 54 m als größte Tiefe besitzt.

Der Seeboden fällt an vielen Stellen steil zu größeren Tiefen ab, was an der dunklen Farbe des Wassers erkennbar ist. Nur am Nordende, vor der Stadt Ochrida und ganz im Süden lassen grüne Streifen des Wassers auf seichte Stellen schließen. Vor allem der sandige Nordstrand gegen Struga hin senkt sich langsam ab. Hier, wie in der Bucht südlich von Ochrida wird der See von schmalen Schilfstreifen eingefaßt, die nirgends die Mächtigkeit erreichen, wie am Prespa- und Doiransee.

Vielfach fallen die Felsenufer steil zum See ab, was den malerischen Reiz der Strandlandschaften bedingt. Das ist vor allem direkt nördlich der Stadt Ochrida der Fall sowie auf langen Strecken des Ost- und Westufers.

Von allen Seiten strömen kurze Bäche aus den Bergen dem See zu; ganz kurz ist der Hauptzufluß, der Drin, welcher als richtiger Karstfluß in der Nähe des Klosters Sv. Naum als starker Bach entspringt, um sich nach ganz kurzem Lauf in den See zu ergießen. Das entspricht dem im 33. Kapitel geschilderten Charakter des Tomorosgebirges als Karstgebiet. Es ist wohl die Ursache zu der in der Bevölkerung verbreiteten Sage von einer unterirdischen Verbindung des Ochridasees mit dem Prespasee, durch welche man die Niveauschwankungen des letzteren erklären will. Zu einer solchen Annahme liegen aber keine wirklichen Grundlagen vor.

Bei Struga entströmt der Drin, als relativ mächtiger Fluß, dem See, fließt eine lange Strecke nach Norden, um sich dann nach Westen und teilweise nach Süden zu wenden und südlich des Skutarisees im Dringolf ins Adriatische Meer zu münden.

Die Ufer des Sees lernte ich auf verschiedenen Exkursionen kennen. Ein Ritt in Begleitung von zwei mir mitgegebenen Blücherhusaren führte mich nach Struga an das Nordende des Sees zum Ausfluß des Drin. An einem Kloster und einigen Dörfern vorbei ging der Ritt in flottem Trab zum kiesigen und sandigen Flachstrand des Sees; nördlich von ihm dehnte sich eine fruchtbare Ebene aus, im Anfang begrenzt von einem seltsamen purpurroten Felsenberg, vor welchem Ruinen eines Dorfes lagen.

An dem Binsenufer flogen vor unsern Pferden, die flott durch das seichte Wasser galoppierten, Kormorane, Bleßhühner und Enten auf. In den Büschen waren, trotz der Herbstzeit, noch zahlreiche Grasmücken in Bewegung. Vor mir lag bald das große Dorf Struga, vollkommen eingehüllt in Weiden und Pappeln. Unterhalb des Ortes am Drin liegen ausgedehnte Sümpfe. Diese sind von Weiden, Röhricht und mancherlei Sumpfpflanzen dicht bewachsen; auch Schilf mit seinen braunen Kolben bedeckt große Flächen. Struga war ein in der Armee berüchtigtes Fiebernest.