So brach ich denn bei den häufigeren Besteigungen des Gebirges regelmäßig vor Tagesanbruch auf, um womöglich, wenn die heißen Stunden des Tages kamen, schon auf der Kammhöhe zu sein. Der Weg führte zunächst durch die altbekannte Schluchtregion auf die ersten Höhen. Von dort genoß ich oft bei Sonnenaufgang den wundervollen Blick ins allmählich aufleuchtende Wardartal, während die ersten Strahlen die Schneehänge der Mala Rupa fern im Westen vergoldeten.
In der Höhe von 700-800 m nimmt der Anbau zu; man merkt, daß man sich einer menschlichen Ansiedlung nähert. Hier sind den steilen Hängen durch fleißige Arbeit Felder und Gärten abgewonnen, die in Friedenszeiten wohl sicher viel besser bepflanzt waren. An den Halden ziehen sich Weingärten hin, hie und da steht grüner Roggen auf einem steinigen Acker spärlich gewachsen, dazwischen sind Beete mit Bohnen bepflanzt. Es war der 22. Mai, an welchem ich zum erstenmal hier hinaufstieg; so waren die Obstbäume schon verblüht und kleine grüne Kirschen und Mirabellen hingen an den Zweigen.
Eine Quelle, überschattet von alten Weiden, verführte zu einer kurzen Rast. In der Nähe wimmelten auf dem Boden viele Aaskäfer. In den Büschen höre ich den Kuckuck rufen, der in dieser Gegend jetzt im Mai überall häufig ist. Was aber den Aufenthalt an der Quelle besonders verlockend machte, war der Gesang zahlreicher Nachtigallen, die jetzt am frühen Morgen noch eifrig schlugen. Ihr Gesang war außerordentlich klangvoll und schön.
Auch sonst war die Vogelwelt hier im bebauten Gebiet sehr reich. In den Gärten und auf den Wegen flogen Haubenlerchen und Feldlerchen vor uns auf. Der Bergsperling (Passer montanus montanus L.) war in Mengen da. Mit prasselndem Flug stiegen Turteltauben auf und flogen dicht über den Büschen davon (Steptopelia turtur turtur L.). In den Dickichten huschten zahlreiche Zaungrasmücken umher (Sylvia curruca curruca L.).
Beim Weitersteigen umgingen wir eine Bergkuppe; jenseits von ihr sahen wir vor uns, malerisch sich aufbauend das Dorf Plauš. In drei Teilen, bedingt durch drei Einschnitte im Gelände, zogen sich die Häuser bergauf in die Schluchten hinein. Im obersten Teil ragte ein weißes Minaret aus einer Gruppe von Bäumen empor und verriet uns, daß wir uns einem türkischen Städtchen näherten. Aus der Ferne machte der Ort einen reizvollen, einladenden Eindruck.
Aber wir waren ihm nur in der Luftlinie nahe; als wir die Bergkuppe umgangen hatten, sahen wir zwischen uns und dem Städtchen eine tiefe Schlucht klaffen. Es war eine Fortsetzung der einen Stadtschlucht, durch welche wir später in den Ort eintraten. Zunächst lief aber unser Pfad nahe an Abgründen entlang, die etwa 200 m tief sich neben uns öffneten. Die Schlucht war eng, kaum 300 m breit; ihre beiden Wände stürzten steil in die Tiefe, zu dem rauschenden Bach hinab, der reichlich schäumendes Wasser über mächtige Felsblöcke wälzte. Beide Wände waren kahl und schroff, kaum bewachsen; damals dachte ich, es sei unmöglich zum Bach hinabzugelangen. Später bin ich hinabgestiegen und konnte in der Tiefe am Bach manches interessante Tier beobachten.
Heute lag der Grund der Schlucht noch im tiefen Schatten, kühle Luft wehte zu uns herauf, denen es vom Aufstieg schon recht heiß geworden war. Wo die Schlucht gegen den Ort verlief, wuchsen im Grund stattliche Bäume, deren Kronen unter uns im Schatten der Schluchtwand standen. Es waren Platanen, Eschen, Ebereschen, Eichen, welche nahe dem Ort eine ganze Wildnis von Brennesseln und Disteln umgab, mit allen jenen Pflanzen, welche die Abfälle einer menschlichen Siedelung bedecken.
Abb. 32. Schlucht bei Plauš.
Auf einer kleinen gewölbten Brücke überschritten wir die Schlucht und kletterten am jenseitigen Rand aufwärts zu den Häusern. Vorher warfen wir von dem Brückchen noch einen Blick die Schlucht hinab. Es war die echte Balkanschlucht. Oberhalb des Orts und der Brücke begann sie als seichte Vertiefung im gewölbten Hang des Berges, von dem aus noch mehrere ähnliche Schluchtanfänge ausgingen. Eine kurze Strecke unterhalb der Brücke stürzte ein Wasserfall eine Stufe hinab, vor welcher die Wände der Schlucht etwas weiter zurücktraten. Unten tobte das Wasser zwischen den donnernden Steinklötzen, die übereinander kugelten und sich aneinander und an den Wänden des Bachbettes rieben. So bekam man ein Bild von den Kräften, die wohl in wenigen Jahrhunderten die jetzige Sohle der Schlucht aus dem Felsen herausgearbeitet hatten. Weit reichte der Blick nicht; denn die Schlucht machte in ihrer Fortsetzung eine starke Wendung nach rechts, so daß die Seitenwand sich wie eine Kulisse vorschob. Hinter ihr ragte eine weitere Steilwand in die Höhe; so glaubte man in einen Kessel hineinzublicken. Im Vordergrund erhoben sich stattliche Laubbäume, die von den weißen Kalkfelsen sich scharf abhoben; über dem Schluchtbecken tauchten ferne blaue Berge auf. Es war ein schönes Bild, welches sich da vor uns aufbaute.