Von der Paßhöhe, von der der Pfad nach Strumiza hinüberführte, führte eine Talschlucht nordwestwärts, welche mit einem stattlichen Buchenwald an der Südseite, am Nordhang mit einem lichten Eichenhain bedeckt war. Dieses Waldtal habe ich während der beiden Jahre meines Aufenthalts in Mazedonien mehrere Male besucht. Es gehörte wie die ganze Plaguša Planina zu jenen Gebieten, welche ich planmäßig zu allen Jahreszeiten zu besuchen pflegte, um den Wechsel der Fauna und Flora zu beobachten.
Bei diesem Besuch genoß ich mehr das frische Grün des Buchenwalds und seinen lichten Schatten, als daß ich eine reichliche Ausbeute erzielt hätte. Diese stellte sich erst ein, als ich noch etwa 200 m höher gestiegen, in die Gipfelregion des Gebirges gelangte. Beim Anstieg kamen wir durch Buchengebüsch, dichte Bestände von Hainbuchen und Ebereschen, zwischen denen als mir neue Pflanzen ein kleines dunkelblaues Vergißmeinnicht und schöne Glockenblumen standen. Eine der auffallenden Pflanzen dieses Gebietes war die wilde Pfingstrose (Paeonia decora Anders), deren rote Blüten zwar kleiner waren, als diejenigen der Kulturrassen unserer Gärten, aber doch einen schönen stattlichen Eindruck machten.
Als wir uns dem ersten Gipfel näherten, bot sich uns ein wundervolles, farbenprächtiges Bild dar. Eine blumenreiche Wiese war in der Gipfelregion von einem dichten Gebüsch von Weißdorn bedeckt. Alle diese Büsche waren in voller Blüte und die weißen Blumensträuße, umrahmt von dem sattgrünen Laub, hoben sich scharf und klar von dem tiefblauen Himmel ab. Es war ein wolkenloser Tag und wir genossen die Sonnenwärme, die uns hier bestrahlte. Als wir vor Tagesanbruch um 4 Uhr im Tal abmarschierten, froren wir bei 9° C in unseren dünnen Sommeruniformen; bis 9 Uhr war in 800 m Höhe die Temperatur schon auf 16° C gestiegen. Hier oben maß ich im Schatten mit dem geschwungenen Thermometer 26° C.
Um die Blüten des Weißdorns flogen zahlreiche weiße Schmetterlinge, eine Art der Gattung Mnemosyne, Verwandte des Apollofalters umher. Auf den Blättern saßen metallisch glänzende Käfer aus der Gruppe unseres Rosenkäfers (Cetonia aurata, var. viridiventris Reit.). Bienen und bunte Fliegen umsummten die Blüten.
Abb. 35. Große Raubfliege (Pogonosoma maroccanum Fabr.) a von oben, b von der Seite.
Bei diesem ersten Ausflug in die Berge war ich noch nicht genügend für die Sammeltätigkeit ausgerüstet, da mein Gepäck in Kaluckova noch nicht angelangt war. Um so mehr konnte ich die Schönheit der Landschaft genießen und mich in der mir ganz neuen Gegend orientieren.
Der erste Gipfel, den ich erstiegen hatte, erlaubte einen weiten Überblick nach Osten, Norden und Westen. Im Süden war die nähere Umgebung durch die Fortsetzung der Bergkette, aus der sich noch eine Reihe von Gipfeln erhob, teilweise verdeckt.
Nach Norden setzte sich das von mir bestiegene Gebirge noch in eine Gruppe niedriger Gipfel fort, zwischen denen die Täler tief eingeschnitten waren. Seine Fortsetzung fand es in den Ketten, welche gegen den Wardar bis Demir-Kapu sich hinzogen. An den Abhängen der Berge und in den grünen Winkeln der Täler sah man kleine, türkische Ortschaften eingeschmiegt, als solche zum Teil an den Minarets zu erkennen. Nach der Karte erkannte ich Arazli Menekli, Kara Eliasli, und Baceli-Cesme. Nach Süden sah man der Westkante des Gebirges entlang, welche in schroffen Felswänden mehrere hundert Meter fast senkrecht zum Wardartal abfiel. Über die vor mir liegenden Gipfel hinweg sah ich in der Klarheit des schönen Maitages die Berge der Doiranfront mit allen Einzelheiten vor mir liegen. Eine Menge von Ortschaften konnte man erkennen, ja es waren unsere Stellungen und diejenigen der Feinde dort deutlich zu sehen.
Fern hinter diesem Gebiet blitzten der Spiegel des Doiransees und des Ardzansees auf. Zwischen ihnen ragt ein kegelförmiger Berg auf, der Dub, eine vielumkämpfte Vorstellung unserer Truppen, welche einen vollen Einblick in die feindlichen Stellungen im südlichen Wardartal erlaubte. Dort schwebten zwei Fesselballons am Himmel und kaum waren sie sichtbar geworden, als drüben eine heftige feindliche Beschießung losging. Von den Granateinschlägen an einer Straße entlang, stiegen mächtige schwarze Rauchwolken auf.