Unter Steinen fand sich hier, wie auch in der Ebene, sehr häufig eine Wolfsspinne (Lycosa amentata [Clerk]), eine der Formen, welche kein Netz bauen und ihre Spinndrüsen außer zur Anfertigung der Eierkokons nur zum Umspinnen der Beute verwenden. Auch dieses stattliche Tier war infolge der Schnelligkeit seiner Bewegungen nicht leicht zu fangen.
Merkwürdig ist die Tatsache, daß ich hier oben, das einzige Mal in Mazedonien die bei uns häufigste Hausspinne (Tegenaria domestica [Clerck]) im Freien bei etwa 1000 m Höhe fand, wo sie ihr Netz unter einem Strauch gebaut hatte. In Häusern habe ich diese Spinne und ihr charakteristisches Netz in Mazedonien nie beobachtet, was wohl nicht nur ein Zufall ist.
Eine Merkwürdigkeit der Region waren die zahlreichen Löcher im Boden, welche der Bautätigkeit von Insekten ihre Entstehung verdankten. Außer den Cicindelenlarven hatten Ameisen und Bienen solche gebaut. Die Löcher dieser beiden Insektenformen unterschieden sich aber sehr von denjenigen der Käferlarven und der Spinnen, die auch nicht selten waren, durch einen kraterähnlichen Wall aus beim Bau ausgeworfenen Erdteilchen, welche in regelmäßigem Kreis das Loch umgaben. Auffallend war oft die gänzlich von der Erde der Oberfläche abweichende rötliche, schwärzliche oder gelbe Farbe, welche dieser aus größerer Tiefe stammende, auch vielfach noch feuchte Bauschutt besaß.
Die Ameise, welche hier häufig aus solchen Kraternestern kam und die Öffnungen eifrig umschwärmte, war eine Form, die auch unten in der Ebene infolge ihrer Lebhaftigkeit und eigenartigen Körperhaltung kaum übersehen werden konnte. Es war eine große Ameise, in Größe und Gestalt unseren Waldameisen ähnlich sehend, mit rotem Kopf, roter Brust und braunem Hinterleib. Das Tier schoß, wenn es erregt war, mit sehr raschen Bewegungen im Zickzack hin und her und hielt dabei den Kopf und die Vorderbeine steil in die Höhe. Es ist die Art Cataglyphis bicolor F. var. orientalis For., deren Arbeiter sich außerhalb des Nestes so auffallend benehmen.
Hier oben fing ich auch zum erstenmal Exemplare der großen schwarzen, bronzeglänzenden, flügellosen Heuschrecke Callimenus oniscus Charp.; diese habe ich später im Nikolatal genauer beobachtet und will daher im Kapitel über jenes Tal näheres über sie berichten und sie dort abbilden.
Unterdessen war trotz des fortschreitenden Tages der Wind kälter geworden. Die Bewölkung nahm zu. Indem sie sich von Zeit zu Zeit in irgendeiner Himmelsrichtung öffnete, ergaben sich engumrahmte Fernblicke von großer Klarheit und von phantastischer Schönheit. Bald konnten wir nach Westen durch ein Wolkenloch tief ins Wardartal hineinsehen, bald wurde es im Osten klar. Dann blickten wir über den sanfteren Osthang der Plaguša Planina in das Tal von Strumiza, dessen Sohle und Hänge gut angebaut schienen; wohl abgeteilte Äcker und Felder deuteten auf ertragreichen Ackerbau.
Einmal, als die Wolken sich verteilten, öffnete sich der Vorhang vor einem Prospekt von zauberhafter Schönheit. Es zeigte sich, auf den Gipfeln noch schneebedeckt, vor uns im Südosten das Belasizagebirge mit seinen einfachen, großen Formen. Weit in der Ferne im Osten ragten aber schimmernde, eis- und schneebekleidete Zinnen in gewaltige Höhen empor. Wir konnten uns kaum entscheiden, daß es das Rhodogegebirge sein müßte, als die Wolken sich wieder schlossen und das vorgezauberte Bild entschwand.
Es war 11 Uhr vormittags; wir hatten unsern Marsch über den Kamm fortgesetzt, einige der Gipfel erstiegen und waren durch dichtes Buschwerk gekrochen. Nun nahm die Bewölkung zu, an alle Gebirgsketten hingen sich schwarze Gewitterwolken, die schließlich auch die unserige einhüllten. Hagel und Regen prasselten los und hatten rasch unsere dünnen Uniformen durchweicht. Wir suchten Schutz unter den Büschen, indem wir uns auf den Boden hockten. Bald aber kam der Regen durch und wir waren froh auf einen alten Unterstand zu stoßen.
In diesen krochen wir hinein, erlebten aber hier nicht allzuviel Freude. Das Gewitter umtobte uns, grelle Blitze zuckten durch die um uns jagenden Wolken, fast im gleichen Niveau, in dem unsere Höhle lag. Schwere Donnerschläge, den Blitz begleitend, erschütterten den Boden. Erde und Steinchen rieselten herunter und schließlich ergossen sich Ströme von Schlamm und Wasser auf uns von oben herab.
Uns schien es richtiger, diesen etwas bedenklichen Aufenthalt zu verlassen und lieber etwas mehr Nässe zu riskieren. Der ganze Bergkamm war hier von alten Schützengräben, von Befestigungen und Unterständen durchzogen. Überall lagen französische und serbische Patronenhülsen und Rahmen umher. Jeden Augenblick wühlte der Fuß Kugeln aus dem Boden. Hier mußte einmal ein scharfer Kampf getobt haben.