Ein trockenes Plätzchen fand sich aber nicht. Wir suchten Deckung an einer Felsenwand. Tief unter uns im Abgrund brodelte der Nebel und eiskalt fegte der Wind um die Ecken.
Doch ebenso plötzlich wie das Unwetter gekommen war, klarte es wieder auf. Die Sonne brach durch, die Wolken verzogen sich und schmolzen vor ihrer Glut dahin. Nach einer halben Stunde war das Gebirge wieder vollkommen frei, das Gewitter verzog sich nach Nordwesten und in strahlender Klarheit lag das Land vor uns. Nur um ferne Berge hingen Wolkenmassen. Wir kletterten noch ein Stück an den Felsengraten weiter, suchten uns ein gedecktes Plätzchen in den schon trocknenden Felsen. Es war 1 Uhr geworden, so daß es geeignet schien, den Proviant auszupacken und während der Mahlzeit die Kleider in der Sonne zu trocknen. Und richtig, zwischen 2 und 3 Uhr waren wir wieder vollkommen trocken und konnten mutig unseren Marsch fortsetzen, der uns noch über die letzten Gipfel der Plaguša-Kette in das Tal bei Dedeli hinunterführen sollte.
Abb. 36. Fernblick vom Westhang der Plaguša Planina. Blick nach Süden. Richtung Doiransee.
Unsere Rast war an günstiger Stelle erfolgt. Wir waren in dem felsigsten, romantischsten Teil des Gebirges. Es war etwas südlich des Passes von Kalkova nach Strumiza. Uns zur Seite stürzte der Felsen fast senkrecht in die Tiefe; an seine Wand schloß sich unten eine mächtige Schutthalde an. Im allgemeinen war die Farbe des Felsens weißlich grau; er bestand in der Hauptsache aus Kalk; eine ganze große Bergwand war aus Marmorplatten aufgebaut. Hie und da fand man in Spalten und zerbrochenen Geröllstücken Drusen mit Kalkspatkristallen. An manchen Stellen traten auch rötliche Färbungen der Felsen auf. Die Verwitterungsprodukte des Felsens, Erde und Sand, waren an den meisten Stellen rotgelb. Der Regen hatte manche Tiere mobil gemacht. So fand ich hier oben, zum ersten Mal im mazedonischen Gebirge Regenwürmer, welche offenbar der eindringende Regen aus ihren Schlupfwinkeln getrieben hatte. Das gab Anlaß, an mehreren Stellen Löcher zu graben, um nach weiteren Exemplaren zu suchen. Auch hier in den Bergen war das Graben in der harten, steinigen Erde sehr schwer. Der Regen war nur wenige Zentimeter tief eingedrungen, der Humus ganz dünn und in geringer Tiefe noch vollkommen trocken. Wir fanden weder Regenwürmer noch irgend ein anderes Tier im Boden.
Dagegen fand ich an den benäßten Pflanzen in größerer Anzahl Schnecken von verschiedenen Arten der Gattungen Helix, Buliminus und Clausilia. Eine ganze Anzahl Tiere waren in der feuchten Luft beweglich und krochen auf Steinen und Pflanzen umher; bei den verschiedenen Arten waren es Individuen von verschiedener Größe. Am Boden lagen viele leere, gebleichte Schalen umher.
Auch die Vögel waren nach dem Regen im hellen Sonnenschein recht munter geworden. Hier oben war ein Vogel sehr häufig, der einen schönen, dem der Drosseln ähnlichen Gesang hören ließ. Er war aber kleiner als eine Drossel, hatte einen blaugrauen Kopf, roten Bauch und roten Schwanz; die Flügeldecken stachen durch ihr dunkles Schwarz stark von diesen Farben ab. Es war der Steinrötel oder die Steindrossel (Monticola saxatilis L.), ein Vogel, den ich später noch oft in den mazedonischen Gebirgen beobachtete. Hier war er erst vor kurzem vom Zug heimgekehrt. Wir sahen ihn auch seinen eigenartigen Balzflug ausführen. Auch Saxicola rubetra (L.) kam hier oben vor. Raubvögel flogen nicht selten über den Bergkamm dahin, unter denen wir Adler und Geier, Bussarde und Falken erkannten, ohne daß wir die Arten genau feststellen konnten, außer bei den häufigen Rötelfalken.
So hatten wir reichlich Beobachtungen gemacht und Tiere gesammelt, während wir im Kammgebiet südwärts weiter wanderten. Allmählich, nachdem der Weg uns auf und ab über eine Reihe felsiger Gipfel geführt hatte, sahen wir von einer Spitze aus den Kamm sich langsam zum Tal senken. Er blieb dabei ein scharfer Grat, der sich noch mehrmals zu Spitzen erhob.
Hier oben gab es noch stattliche Bestände von Stacheleichensträuchern; wie die Wolle eines Schafes sieht auf den Photographien dieser Bestand vielfach aus. Hier oben beobachtete ich den seltenen Fall, daß eine Stacheleiche (Quercus coccifera L.) zu einem stattlichen Baum mit einem knorrigen Stamm von fast 50 cm Durchmesser erwachsen war ([Abb. 37]). Er stand auf einer blumigen Wiese als vollkommener Eigenbrödler ganz allein, dahinter ein Gipfel, der noch vollkommen mit niederen Büschen der gleichen Art bedeckt war. Was mögen es wohl für Bedingungen gewesen sein, welche es diesem Individuum der Art erlaubten, zu einem stattlichen Baum zu werden? Sind es wirklich die Ziegen, welche auch bei dieser Pflanze im Frühjahr die zarten, frischen Triebe abfressen und so im niederen Wuchs erhalten. Und sollte dies eine Individuum einmal einen Trieb so lang entwickelt haben, daß er hoch über den Bereich der gefräßigen Ziegenmäuler ragte und hart und stachlig wurde, ehe sie ihn vertilgt hatten? Noch einige Male sah ich ältere Bäume von Quercus coccifera, die bewiesen, daß auch diese Eiche die Fähigkeit hat, zum stattlichen Baum zu werden.