Beim Abstieg vom Nordkamm geriet ich mit meinen Begleitern wieder in dichtes Dorngebüsch, durch welches wir uns nur mit dem Seitengewehr einen Pfad hauen konnten. So verirrten wir uns und kamen erst nach vielen Stunden erschöpft bei den Zelten an, wo schon die Kochtöpfe über dem Lagerfeuer dampften.

Für die Nachmittagsstunden war nicht viel Kraft übrig; so wurden an diesem Tage keine Berge mehr bestiegen, sondern der Bach und seine Ufer untersucht. Plätschernd floß das Gewässer über die Steine, hie und da einen breiten, tiefen Tümpel bildend, wo etwa ein vom Hang herabgerollter Felsblock oder ein gebrochener Baumstamm es gestaut hatte. Solche Tümpel bildeten höchst geeignete Badewannen, in denen jeder von uns nachmittags ein erfrischendes Bad nahm.

Das durfte aber erst geschehen, nachdem der Bach sorgfältig auf seine Tierwelt untersucht war. Sand und Steine bedeckten seinen Grund, das Wasser war von durchsichtiger Klarheit. So sah man zwischen den Steinen kleine Fische lebhaft herumschießen, welche sich als jugendliche Individuen derselben Barbenart herausstellten, die ich später in riesigen Exemplaren im Wardar fing. Hier in den kleinen Bächen hielten sich also vor allem die Jugendstadien auf, die großen Barben hätten in diesen kleinen Gewässern gar nicht Platz.

Unter Holzstücken und Steinen fanden sich zahlreiche Flußkrebse in allen Größenstadien, von kleinen einjährigen bis zu großen ausgewachsenen Exemplaren. Es waren zwei Arten hier im Bach vertreten, Astacus fluviatilis L. und A. torrentium Schrank.

Auf dem Wasserspiegel im Schatten der Bäume schwirrten stahlblau schimmernde Taumelkäfer im Kreis herum. Sie gehörten zwei Arten an (Aulonogyrus concinnus Klug und Gyrinus caspius Mén.). Wasserläufer schossen von Ufer zu Ufer auf der Oberfläche der Tümpel. Unten am Boden lagen die Larven der Libellenarten, welche blau, rot, grün gefärbt, in vielen Formen unter den Bäumen, im Röhricht umherhuschten. Vor allem an Stellen, wo der Bach sein Kiesbett in viele Arme geteilt durchströmte, wo Binsen, kleine Weidenbüsche und Minzen wuchsen, waren viele Arten von Libellen versammelt, welche auf all die kleineren Insekten jagten, die über den Blüten der Sumpfpflanzen gaukelten.

Trotz der Feuchtigkeit und des reichen Pflanzenwuchses fiel mir bei jedem Besuch des Nikolatales wieder die Armut der Schneckenfauna auf. Zwar eine Art mit dunkler, schwarzbrauner Schale, von der Größe unserer Helix pomatia L. kam in vielen Individuen vor. Aber sonst fanden sich nur wenig Schneckenarten in geringer Individuenzahl. Jene große braune Art fanden wir auch an jenem Abend in größerer Anzahl in der Nähe des Baches.

Über all diesen Beobachtungen sank die Nacht herab. Meine Leute versammelten sich am Lagerfeuer, während das Abendrot am Himmel verglomm. Als es dunkel wurde, das Feuer zusammensickerte, zogen wir uns alle müde in unsere kleinen Zelte zurück. Mein Bursche hatte mir Gräser und Blüten unter meine Decke gesammelt, so daß ich recht wohlig auf dem Sandbett eines ausgetrockneten Baches mich ausstreckte, ermüdet von dem anstrengenden, früh begonnenen Tag.

Ehe ich mich niederlegte, beugte ich mich noch einmal aus dem Zelt heraus und blickte aufwärts, wo über dem tiefschattenden Gewölbe der Platanen die Sterne in klarer Pracht aufblitzten. Nun begann es auch auf der Erde zu gleißen und zu blinken. Hunderte von Leuchtkäfern hatten mit ihrem Lichtspiel begonnen; im Gras saßen die Weibchen und antworteten mit ihrem Lichtsignal auf den Lichtblitz eines vorüberfliegenden Männchens. Es war eine Art, welche abwechselnd ihr Licht erscheinen und wieder verschwinden ließ. Es war äußerst reizvoll, das Frage- und Antwortspiel der einzelnen Paare zu beobachten, welche sich allmählich zueinander blinkten und unsere Soldaten fingen sofort an, die Tiere mit unseren Blinkern zu vergleichen.

Rasch ging es noch einmal zum Zelt heraus, um eine Anzahl Belegexemplare der Art, es war Luciola lusitanica Charp., zu sichern. Es war wohl der Mühe wert gewesen, das Zelt noch einmal zu verlassen, denn es zeigte sich, daß das Geblinke der Leuchtkäfer in Büschen und Bäumen an der ganzen Talwand und rings um den Bach sich tausendfach wiederholte. Unendliche Mengen der Tierchen waren in dieser Nacht unterwegs; unter den Wölbungen der Bäume verbreitete ihr Licht einen zarten geheimnisvollen Schimmer und an der Talwand wiederholten sie die Sternbilder, welche am Himmelsdom strahlender zu glänzen schienen, als je.

Trotz aller Müdigkeit war es ein schwerer Entschluß sich ins Zelt zurückzuziehen. Während die Augen langsam zufielen, ertönte über der Zeltbahn, aus allen Bäumen und Büschen der Umgebung das klangvolle Lied der Nachtigallen, deren es große Mengen im Nikolatal gab. Mit ihren schönen Stimmen vereinigte sich das Orchester der zahllosen Frösche, die feinen Glockentöne der Unken am ganzen Bach entlang. Während ich einschlief, störte mich das feine Summen der Schnaken nicht, die ich am nächsten Morgen als Culex und Anopheles, also als harmlose Stechmücken und Malariaüberträger erkannte. Aber hier in menschenloser Gegend konnten wir die Stiche von ihnen beiden als harmlos betrachten.