Lange, ehe die Sonnenstrahlen ins Tal hineinlangten, waren wir am nächsten Morgen wieder marschbereit. Heute galt es den Nordhängen des Nikolatales, welche schon von unten her ein besonders malerisches Bild darboten. Ich stieg durch ein flaches Nebental hinan, in welchem zwischen den hohen Buchsbaumstauden schöne, weiße Lilien (Lilium candidum L.) standen. Ihr süßer Duft wurde vom Morgenwind talwärts uns entgegen getragen. Meine Soldaten sprachen sofort von Engels- und Madonnenhänden, in welche diese frommen Blumen gehörten und beschlossen sofort am Abend den Schwestern unseres Lazaretts einen großen Strauß mitzubringen, was auch geschah.
Auch in dem Naturforscher weckten die steifen, sanften Blüten Erinnerungen an Bilder alter Meister. Und doch konnte ich nicht übersehen, daß in ihren Kelchen vielfach Käfer einer eigenartigen roten Form saßen, welche durch irgend etwas sich zu den Lilien angezogen fühlten. Es war Lilioceris lilii Scop.
Durch einen feinen, von hellen Felstrümmern besäten Rasen ging die Kletterei aufwärts, bis die Steigung sanfter wurde und sich wie auf den Wiesen eines Parkes auffallend schön geformte, dunkelbelaubte Bäume vor mir erhoben.
Abb. 49. Vegetationsbild aus dem Nicolatal (Quercus lanuginosa Lam.).
Wieder fanden sich hier Buchsbäume, Eichen, Eschen und Hainbuchen, teils einzeln stehend, teils in Gruppen miteinander vereinigt. Was sie aber alle auszeichnete, waren die gedrungenen Formen ihrer Stämme, die schönen Umrisse ihrer Kronen. Besonders trat unter ihnen der Feldahorn (Acer campestre L.) mit seinen zierlichen Blättern hervor. Die Formen aller dieser Bäume entzückten mich durch ihre malerische Schönheit. Man hätte sich hinsetzen und eine der Gruppen nach der anderen malen können; jede hätte ein eigenartiges, reizvolles Bild ergeben auf dem blumenbedeckten Rasen mit den weißen Felsen dahinter, über dem sich ein dunkelblauer Himmel, von großen weißen Wolken durchschwebt, ausspannte.
Es waren Wetterbäume, die hier in trockenem Fels unter dem Einfluß regelmäßiger Windströmungen langsam durch viele Jahrzehnte gewachsen waren, bedächtig Zweig neben Zweig setzend, aber so bei jeder Ast- und Stammverdickung jeden Millimeter ihrer Umgebung abringend. So glichen sie jenen japanischen Zwergbäumchen, welche unter dem Zwang des Menschen ähnliche Formen aber noch viel geringere Dimensionen annehmen. Neben dem Feldahorn waren die Eichen und Hainbuchen (Carpinus duinensis Scop.) besonders schön gewachsen. Letztere und der Feldahorn waren mit reifenden Früchten dicht bedeckt.
Um die Gebüsche und unter den Kronen der Bäume dehnte sich ein fast haideähnliches Pflanzenpolster aus. Da blühten dunkelrote Skabiosen (Knautia macedonica Grieseb.), weiße und gelbe Schafgarben, große und kleinblütige Johanniskräuter (Hypericum olympicum L.), viele Gräser waren in Blüte. Das Seltsame der Landschaft wurde noch stark betont durch eine Anzahl Knabenkräuter mit hohen dunkelrot und braungefärbten Blütenrispen, deren Blüten sich in eine lange, schmale Unterlippe fortsetzten. Phantastisch wiegten diese eigenartigen Blüten sich im leichten Bergwind. Es war eine Art der Gattung Himantoglossum (H. caprinum (M.B.)).
Weiter oben wurde die Wiese wieder üppiger, dort stand auch der Sanddorn (Hippophae rhamnoides L.) in mächtigen Büschen, die zum Teil baumartig aufgewachsen waren. Als eigenartiger Befund ließen sich kleine Bäumchen des Lebensbaumes (Thuia orientalis L.) nachweisen, die wohl von der alten Besiedelung herrührten.
Vor allem war aber hier die Wiese reich an bunten, duftenden Blüten. Eine farbenprächtige Kronenwicke (Coronilla varia L.), zahlreiche verschiedenfarbige Wicken, Tragantharten, eine kleine rosablühende und eine große Winde mit mächtigen, weißen Trichtern, viele Lippenblütler, eine Anzahl Doldenpflanzen bildeten mit ihren gelben, roten, blauen und violetten Blumen einen farbenreichen Teppich. Bemerkenswert war viel Hafer, der wild zwischen den anderen Gräsern stand und gerade blühte.