Zwischen den Felsblöcken ragten stattliche Königskerzen (Verbascum pulverulentum MB.) empor, die meist erst gerade zu blühen anfingen; neben ihnen erhoben sich üppige Disteln mit weißen und roten Blüten, welche nach Art von Kompaßpflanzen ihre Blätter senkrecht aufgerichtet hielten, so daß ihre Oberflächen alle in einer Ebene, der Ebene des Meridians, lagen. Somit standen die Kanten der Blätter nach Osten und Westen, die Flächen nach Süden und Norden. Wie Stahl bei unserem gewöhnlichen Lattich (Lactuca scariola) gezeigt hat, wird durch diese Stellung der Blätter bei Pflanzen in sonnigem Klima und besonders auf trockenem Standort ein geringerer Wasserverlust durch Transpiration und eine Milderung der Schädigung durch zu intensives Sonnenlicht herbeigeführt. Es ist nicht verwunderlich, daß in einem Lande mit so sonnigem trockenen Sommer, wie ihn Mazedonien hat, zahlreiche solche Kompaßpflanzen vorkommen, die ich denn auch an vielen anderen Orten beobachtete. Die Hauptarten waren Carduus leiophyllus Petr. und Silybum marianum L.

Dr. Laser phot.

Abb. 50. Cirzium sp. bei Kaluckova.

Schon nach dem Anblick von unten hatte ich hier oben eine reiche Insektenwelt erwartet. Ich wurde nicht enttäuscht. Als erster Fund trat uns ein großer schwarzer Schmetterling mit weißen Flecken entgegen, der hier auf dem Nordkamm ebenso dominierte, wie drüben auf dem Südkamm gestern das Dambrett. Schon an seinem schönen stolzen Flug erkannte ich ihn als einen Satyrus (S. circe Fab., dort auch S. anthelea amalthea Friw.). Männchen und Weibchen flogen in großer Zahl hintereinander her, wirbelten sich hoch in die Luft, um dann tief hinabtauchend in das Gras, selbst zwischen die Halme zu fliegen. Oft konnte man die Tiere sich begatten sehen. Es war wohl großer Hochzeitstag. Die Weibchen sah man immer wieder tief ins Gras fliegen, um da als echte Grasfalter die Eier abzulegen. Von Schmetterlingen waren hier auch Hesperiden sehr häufig, so Hesperia orbifer Hub. und H. cinare Rbr. und H. malvoides Elw. und Edw.

Nicht unerwähnt soll ein damals erbeuteter Perlmutterfalter der Art Argynnis niobe L. sein, der durch seine riesenhafte Größe auffiel und an asiatische Formen erinnert. Er dürfte wohl eine neue Form sein.

In diesen Wochen, Mitte Juni, machte es mir immer wieder einen starken Eindruck, wie jeweils eine Insektenart in großer Individuenzahl einige Tage stark vorherrschte, um dann nach wenig Tagen fast ganz zu verschwinden. Libellen, Ameisenlöwen, Käfer, einige Fliegenarten und vor allem Tagschmetterlinge sind solche Eintagstiere. Ihr Leben, ohnehin kurz angesetzt, wird in der Tropenglut mazedonischer Sommertage rasch aufgezehrt. Indem in einem Jahre die meisten Individuen in denselben Tagen zur Eiablage schritten, gelangen ihre Nachkommen zur gleichen Zeit zum Ausschlüpfen, so daß dies periodische Erscheinen besonders auffällig wird.

Eine besondere Freude machte meinem Insektensammler Rangnow der Fang einer ganzen Anzahl von Sesien, jenen eigenartigen Schmetterlingen mit glasartig durchsichtigen Flügeln, die wir auf den Doldenpflanzen fanden; hier gab es auch eine Form mit undurchsichtigen Flügeln (Microsphecia myrmosaeformis H. S.). Libellen, zahlreiche solitäre Bienen, Blatt- und Schlupfwespen und Fliegenarten brachten reiche Ausbeute. Auch Käfer, besonders Vertreter der prachtvoll metallisch glänzenden Rosenkäfer (Cetonia aeruginosa Drury), die brummend durch die Luft flogen, vermehrten die Ausbeute.

Einen besonders interessanten Beitrag zum Problem der Eintagsinsekten brachten hier die Ameisenlöwen. Mit ihnen werden wir uns in einem besonderen Kapitel beschäftigen. Hier sei nur hervorgehoben, daß wir diesmal vom Nikolatal vier Arten dieser eigenartigen Tiere mitbrachten. Wie Zwischenformen zwischen Libellen und Schmetterlingen erscheinen sie mit ihren genetzten aber doch buntgefärbten Flügeln, wenn sie langsamen Fluges über die Blumen gaukeln. In großen Mengen trat die Form mit den bandförmigen Hinterflügeln auf (Nemoptera sinuata Oliv.), welche auf der Plaguša Planina vor einigen Tagen aufgetreten war, in wenigen Exemplaren dagegen, zum Teil ganz frisch ausgeschlüpft, flatterten langsamen Fluges die auffallend großen Planares mit ihren braungefleckten Flügeln umher, nicht häufig waren Vertreter einer dritten Form echter Ameisenlöwen, während ein Ascalaphus, ein schön schwarz-gelb geflecktes Tier, häufiger vorkam.