Am 31. Juli erfolgte ein weiterer Besuch des Nikolatales. Wie im Wardartal, so trat uns auch in den engen Tälchen die Macht der verdorrenden Sommersonne Mazedoniens augenfällig entgegen. Sie hatte uns schon auf dem Weg überfallen. Kaum hatten wir die Wardarbrücke bei Hudova passiert, so brach unser leichter, von den Fliegern geliehener Wagen zusammen. Ein Hinterrad zerkrachte hoch oben am Steilufer des Wardar und es fehlte nicht viel, daß Wagen, Pferde und Menschen in die brausende Flut hinuntergekollert wären. Jedenfalls mußten wir den Wagen zurückschicken; da ich aber den Plan nicht aufgeben wollte, so galt es auf der Landstraße zu marschieren, was bei den deutschen Soldaten in Mazedonien nicht sehr beliebt war. Mit frischem Marschgesang war die staubige Strecke bald überwunden.
Zu meinem Erstaunen fand ich aber den Bach des Nikolatales in seinem Unterlauf schon vollkommen ausgetrocknet. An den Hängen des Tales war es fast schon so verdorrt und verstaubt, wie draußen bei Hudova. Alle die blühenden Frühlings- und Frühsommerpflanzen waren verschwunden. Kaum einige verdorrte Stengel zeugten noch von der Lilienpracht; nichts mehr war von Orchideen, von Salbei oder Fingerhut zu sehen. Die Bäume waren verstaubt und von den an ihnen kletternden Weinreben hingen schwere Trauben herab. Hie und da ragte eine schon oben früchtetragende, am unteren Teil des Stieles noch kümmerlich blühende Königskerze, eine mit dicken Schöpfen beladene Distel, empor.
Im trockenen Teil des Baches waren die Steine mit einer kalkigen, aus dem verdunsteten Wasser ausgesickerten Masse überzogen. Die Krebse und die Barben befanden sich an feuchten Stellen oder unter dem Boden im Sommerschlaf. Hie und da lag auch von beiden Formen ein totes, vertrocknetes Exemplar, da wo es das zurückweichende oder verdunstende Wasser zurückgelassen hatte. Nur die Büsche und Bäume zeigten noch Grün, ebenso der weite Flächen bedeckende Adlerfarn, der jetzt mit seinem dunkelen Grün vielmehr auffiel, als zwischen der Üppigkeit des Juni. Das Insektenleben war viel geringer geworden, die Vögel still. An ihrer Stelle hatte das Konzert der Heuschrecken zugenommen. Von glühend von der Sonne bestrahlten Büschen erscholl der schrille Gesang von Zikaden (Cicada plebeja Scop., Tettigia orni L. u. A.).
Die Vögel waren viel stiller als im Frühling und Frühsommer und nur in den Morgen- und Abendstunden lebhafter. Amseln, Ammern, Finken und Nußhäher wurden beobachtet.
Von Schmetterlingen flogen noch reichlich Segelfalter in zweiter Generation, viele Bläulinge und Weißlinge. Sonst waren Insekten im allgemeinen spärlicher. In größeren Mengen waren sie noch am Bach versammelt. Im Schatten der Bäume und vor allem im dichten Gebüsch, wo noch Minze und Doldenpflanzen blühten, da hatten Schmetterlinge, viele Dipteren, besonders Syrphiden, Stratiomyiden, Anthomyiden Schatten und Kühle, aber auch die wenigen noch blühenden Pflanzen aufgesucht. Auch Bienen, solitäre Formen in zweiter Generation, Hummeln, von Wespen verschiedene Arten, darunter die großen Scoliaarten, waren noch da. Vor allem war aber hier der Tummelplatz vieler Libellen in einer ganzen Anzahl von Arten. Die Wasserrhynchoten, Wasserwanzen und Wasserläufer waren jetzt alle geflügelt und bei der Fortpflanzung.
Besonders auffällig waren jetzt die Reptilien von denen Lacerta muralis Laur. und viridis Laur. viel beobachtet, Coluber leopardinus Bon., die Leopardnatter und Tropidonotus tesselatus Laur., die Würfelnatter in mehreren Exemplaren gefangen wurden. Auch Schildkröten, die zwei verschiedenen Arten von Landschildkröten, begegneten uns.
Von späteren Besuchen der Gegend sei einer im Herbst erwähnt, Anfang Oktober, zu einer Zeit, in welcher der ganze Boden von duftenden Cyclamen (Alpenveilchen) (C. neapolitanum Ten.) bedeckt war. Noch schöner und auffälliger waren die großen Flächen, welche dicht mit den leuchtend bläulichrosa gefärbten Sträußen der mazedonischen Herbstzeitlose (Colchicum byzantinum Ker. Gawl.) überzogen waren. Viele Kräuter und Sträucher, selbst die großen Disteln, hatten unter dem Einfluß der ersten Herbstregen neue Triebe gebildet und bereiteten einen kurzen Ersatzfrühling nach der Dürre des Sommers vor. Zu dieser Zeit ist im Wardartal das Phänomen des Herbstzuges der nördlichen Vögel oft prachtvoll zu beobachten.
Der schöne Spätherbst mit reichlichen Regengüssen kann bis in den Dezember hinein dauern, ehe der mazedonische Winter mit Eis und Schnee einzieht. Zu dieser Zeit kam ich nur am Ausgang des Nikolatales vorbei. Die Hänge lagen voll Schnee, der Bach hatte eine leichte Eisdecke. Mit einem alten Kolkraben balgte sich eine Schar Dohlen, Elstern und Krähen um das Aas eines gefallenen Tieres und bildeten so eine malerische Silhouette auf dem weißen Hintergrund der Straße zum unvergeßlichen Nikolatal.
SIEBENTES KAPITEL
FAHRT INS GEBIET DER MALA RUPA.