Von meinem Standquartier Kaluckova aus hatte ich oft meine Blicke sehnsüchtig nach den blauen Bergen schweifen lassen, die westlich über dem Wardar in weiter Ferne zart und duftig aufragten. Vor allem im Monat Mai boten ihre schneebedeckten Gipfel einen eigenartigen Kontrast zur farbigen Üppigkeit des Vordergrundes dar. Grün leuchtete die Wardarebene vor den Hügeln, die Kaluckova umgaben, die Bäume blühten, bunte Blumen bedeckten die Wiesen. Jenseits des Wardar erhoben sich bebuschte Hügel, die allmählich in höhere bewaldete Berge übergingen, welche von der Bevölkerung als Marianska Planina bezeichnet wurden. Mehrere Ketten zogen hintereinander, immer höher aufsteigend und entwickelten vor allem in der Zeit des Sonnenuntergangs alle Abstufungen blauer und violetter Töne. Hinter ihnen erhoben sich in phantastischer Klarheit die höchsten, schön geformten Pyramiden der Schneeberge mit ihren weißen Flanken und dem strahlenden Blau der Schatten ihrer Schluchten.
Der Schnee war schon bis auf kleine Reste weggeschmolzen, als es endlich gelang, die Fahrt ins Gebirge zu unternehmen. Auf der Karte war der Gebirgsstock als Dudica bezeichnet und von unseren Truppen wurde besonders die Berggruppe der Mala Rupa oft genannt, auf der sich Stellungen befanden. Allerhand merkwürdiges wurde von diesen Bergen berichtet und so waren meine Erwartungen aufs höchste gespannt.
Bei den bescheidenen Hilfsmitteln, welche mir damals in den ersten Monaten meines mazedonischen Aufenthaltes zur Verfügung standen, konnte keine größere Expedition geplant werden. Ich mußte sehen, wie ich mit meinen beiden Begleitern, Prof. Müller und Sammler Rangnow irgendwie an die Berge herankam. Das Weitere würde sich dann schon finden.
Da bot die Freundschaft des Fliegerhauptmanns Arndt eine besonders günstige Möglichkeit. Er stellte mir für einige Tage seinen Kraftwagen mit den Fahrern zur Verfügung und so konnte ich mir vornehmen, in einem halben Tag nach dem Dorf Koinsko zu gelangen, welches am Fuße der Mala Rupa liegt. Dort hielt sich in militärischer Dienststellung um jene Zeit Prof. Leonhard Schultze-Jena auf, der bekannte Geograph, der mir bei meinen Plänen behilflich sein wollte.
Abb. 52. Kartenskizze von Südostmazedonien. Südliches Wardartal, Ebene von Hudova, Doiransee.
Manches kam anders als ich gedacht hatte. Um ½ 4 Uhr nachmittags, am 17. Juli 1917, fuhren wir nach manchen Verzögerungen im Auto in flottem Tempo von Kaluckova ab. Wir bogen südwärts ins Wardartal ein; kaum hatten wir einige Kilometer zurückgelegt, als mit lautem Knall ein Reif platzte; die erste Panne! Nach kurzem Aufenthalt ging die Fahrt weiter. Die zweite Panne kam im Wardartal bei Smokwiza, die dritte und ernsthafteste im Mühlbachtal bei Negorci.
Immerhin gingen die Aufenthalte nicht ungenützt vorbei. Wir fuhren zuerst durch die Hudovaebene auf dem linken Wardarufer, kamen dicht bei dem Lazarett Mravinca vorbei und überschritten auf der Kaiser Wilhelmsbrücke bei Miletkovo den Wardar. Dann ging es in gutem Tempo am rechten Wardarufer über Smokwiza bis Negorci, wo wir das Tal verließen und westwärts einbogen, dem Gebirge entgegen. Wie hatte sich in den letzten Wochen das Wardartal verändert! Vom Frühlingsgrün war nichts mehr zu entdecken. Alles war verbrannt und verdorrt von der Sonnenglut. Wo vor wenigen Wochen zwischen den Stecheichen- und Judendornsträuchern die bunte Pracht der Blüten prangte, da gab es jetzt nur feinen gelben oder grauen Staub. Kaum fand sich hie und da noch eine Spur von verdorrtem Gras. Am traurigsten sah es natürlich in der unmittelbaren Nachbarschaft der belebten Landstraße aus, auf der hier zur Front nachts und frühmorgens viele Kolonnen verkehrten, wo Truppen marschierten und der Nachschub vorgebracht wurde. Denn in diesem Teil des Wardartales bis südlich zur Front bei Gewgeli verkehrte die Bahn nicht, da die ganze Strecke unter dem Feuer der weittragenden Geschütze des Feindes stand. So fuhr nur ein Schienenautomobil nachts südwärts, um wichtige Transporte zu vermitteln. Längs der Straße war alles, Steine, Felsen, Büsche, Häuser, alles, alles von feinem Staub eingepudert und keine andere Farbe als fahles Grau war zu sehen, noch dazu verschleiert durch die Staubwolken, die jeder Mensch, jedes Fahrzeug, jedes Tier, das sich auf der Straße bewegte, aufwirbelte.
Daß die Straße vom Feinde eingesehen wurde und beschossen werden konnte, machte unsere Autopannen nicht allzu behaglich. Immerhin kamen wir gut durch und benutzten den unfreiwilligen Aufenthalt uns jeweils in der Gegend umzusehen. Von der Staubwüste längs der Straße stach die Umgebung der Dörfer freundlich ab, besonders da, wo durch Schöpfräder Wasser aus dem Wardar zugeleitet oder den vom Gebirge dem Fluß zustrebenden Bächen zur Bewässerung der Gärten und Felder entnommen wurde. Obstbäume beschatteten die Häuser; in den Gärten grünte das Gemüse, Tomaten prangten und wetteiferten mit den an den Fenstern hängenden Bündeln von Paprikaschoten in grellstem Rot, Maisfelder waren in voller Üppigkeit, während die anderen Getreide alle schon geerntet waren. Weite Melonenfelder mit den grünen, gelben, roten mächtigen Früchten brachten einen ganz eigenartigen Charakter in die Landschaft. Wie seltsam mußte sich das Leben der wenigen Landeseinwohner in dieser Gegend abspielen in den halbzerstörten Dörfern. Sie hatten unter dem Donner der Geschütze gepflügt und gesät, nun kam auch in diesem Jahre die Ernte, ohne daß der Krieg aufgehört hatte.
Wir fanden trotz des Staubes, besonders am Ufer kleiner Bäche, noch reichlich tierisches Leben. Über dem Wasser schwirrten große Schwärme von Libellen, Bienen und Hummeln kamen zum Trinken und besuchten die Blüten der am Wasser noch gedeihenden Pflanzen. Eidechsen lauerten auf den Steinen auf Beute.