Besonders reich war das Tierleben am Ort unseres letzten Unglücks, das wir mit unserem Auto hatten. Als wir dicht hinter den Stellungen durch das von unseren Soldaten so benannte Mühlbachtal fuhren, brach das Auto vollkommen zusammen. Es stand in der grellen Sonne auf einer Stelle der Straße, die, wie die Granattrichter in der Umgebung verrieten, nicht selten beschossen wurde. Während die Fahrer sich quälten, das Fahrzeug wieder in Gang zu bringen, flüchteten wir, die nichts dabei nützen konnten, aus der immer noch glühenden Sonne in den Schatten des einzigen Baumes der Gegend. Es war eine Weide, die von einem kleinen Weidengebüsch umgeben, am Bach sich erhob, neben einer Brücke.

Die Gegend war recht eigenartig. Das ziemlich breite Tal zog an einer Hügelkette entlang, auf welcher die Stellungen unserer Truppen und der Bulgaren eingebaut waren. Unten am Rand der Hügel, dicht am Bach waren teils in den Berg eingefügt, teils an ihm angelehnt die Quartiere der Truppen, die Ställe der Pferde, die Magazine für Proviant und Munition. Im Bach, an erweiterten Stellen, badeten deutsche Soldaten, etwas weiter oben waren Pferde in der Schwemme.

Der Abend sank herab und das Auto war noch nicht wieder heil; ja es war klar, daß es so schnell nicht zu flicken war. Wir mußten nach einer Stelle suchen, von der wir telefonisch um Hilfe rufen, und wo wir die Nacht verbringen konnten. Eine solche war bald gefunden. Nicht weit von der Brücke sahen wir Bauten, welche auf eine deutsche Abteilung schließen ließen, während sonst alles ringsumher sehr bulgarisch aussah.

An den Hängen der Hügelreihe waren tatsächlich die rückwärtigen Stellungen unserer Front eingebaut. Zwischen den Bauten sah man überall Stollen und Unterstände, ein Zeichen, daß man hier vor Beschießung nicht vollkommen sicher war. Alle größeren Bauten waren sehr geschickt dem Gelände eingeschmiegt. So sah man ganz oben am Berg, an dessen Rückwand ein villenähnliches Holzhaus, wie wir später erfuhren, die Wohnung des bulgarischen Artilleriekommandeurs.

Wir suchten die deutsche Stellung auf; es war eine Abteilung schwerer Artillerie, deren Offiziere uns sehr freundlich aufnahmen, bewirteten und beherbergten. Unter anregenden Gesprächen verlief der Abend, nachdem telefonisch mir die Nachsendung eines zweiten Autos zugesichert worden war. Es traf noch nachts ein; aber wir mußten den Morgen abwarten, um die Fahrt auf der sehr kühn angelegten, nicht auf Kraftwagenverkehr berechneten Bergstraße riskieren zu können.

Frühmorgens ging es los. Es war die Straße nach Huma, die wir zunächst verfolgten. Sie führte zuerst noch durch das Bachtal, dessen felsiger Südhang weithin noch von den Quartieren bulgarischer Truppen eingenommen war. Es ist eine eigenartige Erinnerung, die ich an diese Fahrt dicht hinter der Front mitgenommen habe. Wie war die ganze Landschaft verändert durch die Bauten des Heeres. Seit 16 Monaten war in jener Zeit die Front in dieser Gegend nicht verschoben worden. So blieb es auch noch ein ganzes Jahr. Wie wurde in dieser Zeit die ganze Erde der Hügel von unseren Truppen durchwühlt; ich wurde unwillkürlich zu einem Vergleich mit den unterirdischen Nestern der Ameisen gedrängt, welche in Massen die gleichen Hänge besiedelten. Überall hatten die Soldaten Felder bestellt, Gärten mit Blumen und Gemüsen bepflanzt, Bewässerungsgräben gezogen. Welche Massen von Brettern und Balken waren in das holzarme Land gebracht worden, um all die Bauten aufzuführen. Es war, als sei ein Volk von lauter Männern im Lande eingewandert, das hier für alle Zeiten zu bleiben glaubte.

Der Weg, eine schmale Straße, auf der das Ausweichen nicht leicht war, führte den klaren Bach entlang, dessen Wasser über Felsen brauste, bald größere, bald kleinere Tümpel bildend, die in ihrem hellen Grün seltsam vom gelbroten Felsen abstachen. Durch tiefe Schluchten mit steilen Felswänden strömten Seitenbäche dem Humabach zu. Das waren wieder die typischen Balkanschluchten, mit ihren malerischen Wirkungen von Licht und Schatten, mit der jetzt im Hochsommer noch üppigen Pflanzenwelt in ihren schattigen Gründen.

Die Straße fing an in Riesenwindungen die Berge hinanzuklimmen, um scharfe Kurven fauchte das Auto bergauf. Von der Straße, die allmählich von dem Wardartal mit weniger als 100 m Meereshöhe auf über 800 m hinanstieg, eröffneten sich reizvolle Blicke auf ein welliges Bergland und tief eingeschnittene Täler, die alle noch von einer schön grünen Vegetation überzogen waren. Von der Paßhöhe sausten wir auf einer nicht minder halsbrecherischen Straße neben tiefen Abgründen durch oft ganz knappe Kurven wieder bergab. Der Blick nach Südwesten, das war die Hauptrichtung unserer Fahrt, nachdem wir die Hauptstraße nach Huma verlassen und die Nebenstraße nach Koinsko eingeschlagen hatten, wurde immer reizvoller.

Burmester phot.