Die Gegend um Veles war, soweit Berg und Felsen dies gestatteten, gut angebaut. Dazu half das Wardarwasser. Zu beiden Seiten der Stadt erweiterte sich das enge Schluchttal des Flusses zu kleinen Ebenen, welche zum Teil in Flußtäler übergingen. Hier waren üppige Felder, die alles trugen, was sonst in Mazedonien gedieh, an manchen Stellen sogar Reisanbau gestatteten. Ein äußerst malerisches Bild boten die hohen, schlanken Schöpfräder, die am Ufer aufgestellt, mit kleinen Bechern beim Eintauchen Wasser aus dem Wardar bis zum obersten Punkt, den ihr Umfang erreichte, heraufhoben, um dort das Wasser in schief zum Lande geneigte Rinnen zu gießen, die es an Gräben weitergaben. Diese wiederum führten das befruchtende Wasser in die Gärten und Felder ([Abb. 67]).
Die meisten Bäche und Flüsse traten in der Nähe Veles nicht durch weite Täler an den Wardar heran, sondern hatten vorher eine Bergkette zu durchbrechen, was sie in gewaltigen Schluchten taten. Zwei Flüßchen, welche kurz unterhalb Veles mündeten, waren durch ihre Durchbruchsschluchten berühmt, die Topolka und die Babuna. Am südlichen Ende der Stadt mündete die kleinere Topolka, ein im Frühling und Herbst starker Bach. Die Babuna war ein Flüßchen, das hoch aus dem Gebirge kam, entsprechend wasserreicher war, und demgemäß auch eine gewaltigere Arbeit an den Felsen geleistet hatte.
Beide Schluchten boten für Naturforscher viel Interessantes und wurden daher von mir und meinen Mitarbeitern zu wiederholten Malen besucht. Jedesmal nahmen wir große Natureindrücke und interessante wissenschaftliche Beobachtungen mit.
Die Topolkaschlucht ist von beiden Enden zugänglich. Wir wollen sie von ihrem oberen Ende verfolgen, das man von der Straße nach Prilep über den Babunapaß durch eine kurze Wanderung erreichen kann. Im späten Frühling war die Topolka ein schöner tiefer Bach, dessen rasch dahineilendes Wasser schon oberhalb der Schlucht Mühlen trieb. Die Mühlen bei Veles hatten alle Turbinenräder, an dessen senkrechten Achsen sich oben der Mühlstein drehte. Übermäßig sauber ging es in diesen Mühlen nicht zu und manchem deutschen Soldaten und seinen Angehörigen zuhause haben im wahrsten Sinne des Wortes die Zähne geknirscht, wenn sie in dem dunklen Brot aus mazedonischem Mehl auf die Steinchen stießen, die vielleicht schon beim Dreschen zwischen die Körner geraten waren und seither sich eher vermehrt hatten.
Prof. Müller phot.
Abb. 67. Wasserschöpfrad am Wardar bei Veles.
Kaum war man von oben in die Schlucht eingetreten, als man erstaunt in fast geschlossenem Raum sich umblickte. Hinter einem ragte ein mächtiger Kalkfelsen wie ein Denkmal mehrere hundert Meter hoch empor. Geröllhalden, von spärlicher Pflanzenwelt bewachsen, zeigten, wie das Wasser gearbeitet hatte, um diese Felsen zu modellieren. Schwer war es gewesen, einen Pfad durch die Schlucht zu schaffen. Aber als Zugang zu den 6-8 Mühlen, die in ihr liegen, war er nach allen Zerstörungen durch Hochwasser immer wieder erhalten worden. Wir freuten uns, auf ihm bald dicht an dunkelgrünen Becken tiefen, gurgelnden Wassers dicht entlang zu gehen, bald über hundert Meter emporklimmen zu müssen, um einen brausenden Fall zu umgehen, der weiß-schäumenden Gischt über rotgelbe Felsen in die Tiefe schleuderte. Die wechselnden, bald grellroten und gelben, braunen und weißen Färbungen der Kalkwände, zwischen denen blaugraue Hänge folgten, gaben der Schlucht einen eigenen Reiz, der mich nie vergessen ließ, daß ich in Mazedonien war. Wie seltsam waren die Gegensätze zwischen einem grellbeleuchteten Felsen, dessen fast wie Metall schimmernden Flanken in unendlichen Zwischentönen flimmerten und dem blauvioletten Schatten eines senkrechten Absturzes, der, ihn einrahmend, in klares, grünes Wasser sich senkte. Und dessen Oberfläche wieder war reich gegliedert durch die Schaumkronen der Wellen und die vielfachen Reflexe des Himmels auf seinem Spiegel. Und nun gar aus dem Wasser leuchteten die vielfachen Farben der Gesteinstrümmer auf, gebrochen und noch vervielfältigt und mitgenommen durch das strömende Wasser, das in verschiedenen Tiefen über ihnen dahinging.
Wie oft zogen wir hier aus dem Wasser eine der dunkelen Nattern (Tropidonotus natrix persa Pall.), oder die Würfelnatter (T. tesselatus Laur.), die hier so häufig auf die kleinen Fische jagten, welche im ruhigerem Wasser bei den Mühlen oft in Scharen von Hunderten standen.
In vielen Windungen zog sich die Schlucht zum Wardar, ein prachtvolles Bild von großartiger Romantik nach dem anderen bietend, bis sie sich zum Flußtal öffnete, wo gegenüber auf grünem Rasen von Bäumen beschattet das Kloster Sveti Spas, einen friedlichen Gegensatz zu der wilden Felseneinsamkeit bildete; das leise Strömen des Wardar wirkte wie tiefes Schweigen nach dem tollen Brausen und Tosen des Wassers in der Schlucht.