Das Überraschendste war aber der Vogelreichtum in den Felswänden; Löcher im Gestein boten reiche Nistgelegenheit, welche vor allem von Felsentauben (Columba livia livia Gm.) ausgenützt wurden. Diese Stammmutter unserer Haustauben brütete dort in Dutzenden von Paaren. Ein Schuß trieb Hunderte der Vögel auf, welche einen solchen Schwarm bildeten, daß sie einen deutlichen Schatten auf den Talboden warfen, als sie erschreckt aufflogen. Weiter oben hatte der Schuß stattlichere Gäste zur Erscheinung gebracht. Ein Paar Gänsegeier, dazu mehrere Kaiseradler kreisten um die Felsen und die Annahme, daß auch diese da oben brüteten, lag nahe.

Beim Rückmarsch durch das Tal konnte man die in ganz Mazedonien in steinigen Gebieten häufigen Felsenkleiber (Sitta neumayeri neumayeri Michah.) beobachten. Mit seinem blaugrauen Rücken und der weißlichen, rostrot überhauchten Brust ist dieser unruhig auf den Felsen herumlaufende Vogel eine belebende Erscheinung in den Felsenwüsten. Noch eigenartiger ist der Alpenmauerläufer (Tichodroma muraria L.), der mit den hochroten Fahnen seiner Flügelfedern, dem sonst aschgrauen, zerstreut braun-, schwarz- und weißgefleckten Gefieder und seinem eigenartigen Flügelschlag, wenn er an der Felsenwand flattert, einen ganz fremdartigen Eindruck macht.

Weiter unten gegen den Wardar, wo das Tal breiter wird, traten noch Rostschwalben und der am Wasser über die Steine huschende Wasserstar hinzu.

Abb. 70. Pappelhain am Wardar. Im Hintergrund Veles und seine Felsenberge.

Müde von der Felsenkletterei kehrte man gern in das gastliche Lager des Hauptmanns Jungmann zurück, welches einen weiteren Anziehungspunkt in Veles bedeutete. Draußen, oberhalb der Stadt am Wardar befand sich ein großes Etappenlager als Basis für die Babunastraße. Dort hatte der Hauptmann eine kleine Hütte, in der man gastliche Aufnahme fand. Vor dieser Hütte war ein behaglicher Platz zum Sitzen, von dem aus man einen ganz eigenartigen, besonderen Blick auf die Stadt Veles genoß.

Vorn wälzte der Wardar an einem solchen Abend seine hochgeschwellten, trüben Fluten dahin. Von dem gelben Wasser hob sich jenseits ein Wald von Pappeln, Erlen und alten Ulmen ab. Es war eine Wildnis, die sich da längs des Flusses ausdehnte. Vor dem Dunkel der Bäume hoben sich zierlich die hohen Wasserschöpfräder ab. Als es zu dämmern begann, bildete der Baumbestand eine fein umrissene dunkele Silhouette vor den Häusermassen der Stadt, die im Glanz der Abendsonne aufglühten. Klar und scharf standen dahinter die kahlen, dürren Berge mit ihrer schönen Umrißlinie. An ihren Flanken sah man die Stadt sich hinschmiegen. Tiefe Schatten fielen auf die Wände der Schluchten, ihre von Wind und Wetter verarbeiteten Formen traten in wundervoller Klarheit hervor. Von Süden zog eine Gewitterwolke heran, die den hellen Himmel allmählich verdunkelte. Die Stadt selbst glühte immer mehr auf in den Strahlen der scheidenden Sonne, welche unter der Wolkenbank sie erreichten. Einzelne Fenster sandten feurige Blitze herüber. Die aus den Wolken fallenden Regentropfen, welche in ihrer Spärlichkeit den dürstenden Boden nicht erreichten, genügten doch, um einen strahlenden Regenbogen zu erzeugen, der sich wie ein festlicher Schmuck in hohem Bogen über die leuchtende Stadt und die dämmernden Berge schwang. In diesem köstlichen Rahmen steigt wie eine Traumvision noch manchmal das Bild der Stadt Veles in meiner Erinnerung auf.

VELES VOM RECHTEN WARDARUFER.

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