AM DOIRANSEE

Vom Doiransee wurde beim mazedonischen Heer viel erzählt. An seinen Ufern wurde im Frühjahr 1917 hart gekämpft. Sein blauer Spiegel sei wundersam von der braungelben Landschaft eingerahmt; reizvoll spiegle sich die weiße Stadt Doiran in seinem Wasser. So faßte mich denn Sehnsucht, den schönen See zu sehen. Auch für den Naturforscher mußte er Interessantes versprechen. Ein großer See im Binnenland, der kaum erforscht war, mußte eine eigenartige Tierwelt beherbergen.

Ich plante eine Expedition zum See, stieß aber sogleich auf viele Schwierigkeiten. Es war ja Krieg, und wie bei den anderen großen mazedonischen Seen, so ging auch hier die Front mitten durch den See. Die Ufer wurden viel beschossen und jedes Schiff, welches sich hinauswagte, wurde mit Schrapnells und Granaten bedeckt. Aber so gut unsere Soldaten es am See jetzt seit Jahren aushielten, so gut mußte es für den Naturforscher möglich sein, dort seine Arbeit zu tun.

Der Plan wurde ausgearbeitet und fand bei den militärischen Behörden Verständnis und tatkräftige Unterstützung. Da bei Tag jedes Boot von den gut eingeschossenen englischen Batterien unter Feuer genommen wurde, konnte ein Versuch nur nachts unternommen werden. Militärische Hilfe war notwendig, alle deutschen und bulgarischen Posten und Batterien mußten verständigt werden, damit nicht das Feuer unserer Truppen sich auf uns richtete.

Unsere Fahrt war in allen Einzelheiten aufs sorgfältigste vorbereitet und alles klappte prachtvoll. Am Abend des 8. Juli 1917 kam es zum ersten Besuche des Doiransees. Zwei Tage vorher waren meine Netze, Planktonapparate, Thermometer und sonstigen Instrumente aus Deutschland angekommen. Gute Hilfe leisteten mir wissenschaftliche Kollegen, welche als Offiziere bei den deutschen Truppen der 1. Bulgarischen Armee standen. Einer von ihnen, einer meiner alten Schüler, Hauptmann Frischholz, befehligte einen Pionierpark im Wardartal. Von ihm hatte ich schon manche Hilfe erfahren. Er begleitete mich auf der Doiranfahrt und übernahm die militärische Führung. Angeschlossen hatte sich noch der Münchener Geologe Dr. Leuchs, der als Kriegsgeologe im Gebiet tätig war.

Abends nahm uns am Bahnhof in Dedeli ein Auto des A.O.K. auf und brachte uns rasch über den Furkapaß durch das Tal von Cerniste in die Nähe des Sees. Ein rotgoldener Abendhimmel überstrahlte das westlich vom See gelegene Gebiet des Dub und der angrenzenden Berge, als wir uns in ihrem Schatten dem See näherten. Vorsichtig mußten wir die im Schußbereich der feindlichen Artillerie liegende Straße benützen. Vorsicht hieß rasch fahren und etwas riskieren. Es dunkelte schon, als ein Reiter uns empfing und uns durch die Granattrichter die Straße entlang soweit geleitete, als Fahren möglich und erlaubt war. Der Spiegel des Sees blinkte auf, als wir aus dem Wagen stiegen, um zu Fuß in einer Wanderung von wenig Kilometern das Boot zu erreichen. Viel konnte man hier vom See nicht erkennen. Denn das ganze Nordufer und ein großer Teil des Westufers sind flach; ein breiter Schilfgürtel faßt hier den See ein. Der Abendwind rauschte in den Binsen, leise plätscherten die Wellen, während wir bei steigender Dunkelheit nach dem Boot suchten. Es lag versteckt im Schilf nahe bei der Stadt Doiran.

Schon war es vollkommen dunkel, als wir den auf uns wartenden Pionierponton fanden; in der Finsternis leiteten uns das leise Rasseln der Ketten und die Stöße der Ruder am metallenen Rumpf des Bootes. Deutsche Pioniere nahmen uns auf und ruderten langsam seewärts. Es war nicht einfach, in der dunklen Nacht durch den mehrere hundert Meter breiten Schilfwald den Weg zu finden. Aber unsere Soldaten — sie waren meist von Beruf Fischer und Seeleute — kannten sich im Gebiet gut aus und brachten uns bald aufs freie Wasser hinaus.

Dunkelheit umfing uns, als wir aus dem krachenden Schilf auf die Fläche des Sees hinausglitten. Leise mußten die Ruder eingetaucht werden; denn weit tönte der Schall über das Wasser. Wir machten unsere Apparate bereit, brachten die Seile und Schnüre in Ordnung. Hauptmann Frischholz warnte vor Benutzung der Taschenlaternen, um den Feind nicht auf uns aufmerksam zu machen. Am dunklen Himmel strahlten die Sterne stark und schön in der warmen Julinacht; manche warfen einen blinkenden Streifen über die Wellen. Drüben am feindlichen Ufer blitzten Lichter auf, roter Rauch von Lagerfeuern stieg in die Höhe. Leise fuhr unser Boot über dem schwarzen, leise gurgelnden Wasser. Es war eine eigenartige Empfindung, so einsam, fern von allen Menschen, als Einzige auf dem dunklen See zu treiben.

Wir hatten nicht Zeit uns lange Stimmungen hinzugeben. Wir mußten rasch unsere Arbeiten erledigen, um nicht das Leben deutscher Soldaten zwecklos zu gefährden. Unsere Thermometer wurden in verschiedene Tiefen gesenkt, die Temperaturen gemessen. Währenddessen wurde gelotet und unsere Planktonnetze schwebten im klaren Wasser. Unter dem Kommando Frischholz' bewegte sich das Boot gewandt und zweckentsprechend. In kurzer Zeit konnte ich alle gewünschten Untersuchungen durchführen. In den Glasgefäßen hatte sich wohl eine vielgestaltige Welt von Planktontieren angesammelt, die wir nur ahnten, noch nicht feststellen konnten. Denn der Hauptmann gestattete nur sekundenlange Lichtblitze aus den Taschenlampen zum Ablesen der Uhren, zur Überwachung der Apparate, der Netze, der Seile und Drähte.

Unter langsamen Ruderschlägen hatte das Boot mehrere Kreise in der Mitte des Sees gefahren. Währenddessen hatten wir die vorgenommenen Untersuchungen erledigt und der Hauptmann mahnte in seiner großen Gewissenhaftigkeit zur Rückkehr zum Ufer.