Mittlerweile waren die Berge am jenseitigen östlichen Ufer allmählich deutlicher geworden. Ein zarter goldner Schein begann am Himmel hinter ihnen emporzusteigen und ließ ihre Umrisse scharf hervortreten. Der Mond nahte hinter ihnen und mußte bald seine Strahlen über die Fläche des Sees werfen.

Wir wandten uns zum Ufer und die Pioniere zogen die Riemen kräftig an. Mit dumpfem Gerumpel drehte sich das Boot. Hatte dies Geräusch zu stark über den See geschallt oder war doch vorher unser Lichtblinken beobachtet worden, plötzlich blitzten die beiden englischen Scheinwerfer am jenseitigen Ufer auf und warfen breite Lichtbahnen über den See. Einige Schüsse krachten, Maschinengewehrfeuer weckte das Echo der Berge.

Dann war es wieder dunkel. Die Pioniere legten sich fest in die Ruder, unser schweres Boot rollte gurgelnd über den Wellen und bald strich es prasselnd durch einzelne Schilfgruppen, die vor dem eigentlichen Schilfwald aufragten. Wir suchten in der Dunkelheit lange nach den Gassen, die den Schiffern vertraut waren. Es war nicht leicht, in der Nacht in der gleichmäßigen Schilfwand die richtige Einfahrt aufzufinden. Schließlich fuhren wir in eine Gasse ein und hielten aufs Ufer zu. Bald schloß sich aber der Weg, wir gerieten in dichtes Schilf, das rauschend und knisternd vor unserem Boot sich bog und brach und sich schließlich so verfilzte, daß unser Boot umklammert und festgehalten wurde. Wir steckten fest im Schilf und es kostete starke Arbeit bis wir uns wieder freigemacht hatten. Nun fuhren wir weiter durch das dicke Schilf, in dem es keinen Durchblick und keinen Überblick gab. Hoch ragten die Schilfhalme, etwa 3 m lang, über unsere Köpfe, selbst wenn wir uns auf Kisten und Eimer stellten und hoch emporreckten. Wir kamen durch mehrere offene Stellen im Schilf, die wie stille Weiher aussahen. Sie waren aber selbst wieder vom Schilfwald umgeben, in den wir immer wieder eindrangen, um noch mehrmals hängen zu bleiben. Plötzlich saßen wir auf einer Sandbank fest.

Um uns immer das eintönige Rascheln des Schilfes, das Säuseln des Nachtwindes in seinen Halmen. Es wurde etwas unheimlich in der dunklen Nacht in dieser Wirrnis der Pflanzen. Hatten wir auch nicht die Richtung verloren, gerieten wir nicht in das Gebiet der Engländer?

Mit kräftigem Entschluß befahl schließlich der Hauptmann wieder aus dem Schilfwald herauszurudern. Wir kamen durch, bohrten uns bis an seinen Rand zum offenen Wasser und ruderten nun am Schilf entlang bis zu einer neuen Straße, die durch einen verfallenen Pfahlbau gekennzeichnet, unsere Schiffer zu einem bekannten Landungsplatz führte. Wir waren etwas weiter nach Norden, also weg von den Engländern ans Land gekommen.

Wir kletterten am Ufer hinauf; vorsichtig luden wir Instrumente und Netze sowie die Gläser mit der kostbaren Ausbeute aus. Wir standen im tiefen Dunkel, in für uns alle unbekanntem Land, als das Rauschen im Schilf wieder anhob und uns verriet, daß unsere getreue Schiffmannschaft ohne Abschied, ohne unseren Dank abzuwarten, in der Nacht verschwunden war.

Wir fanden aber bald die uns bekannte, am See entlang laufende Landstraße, die uns orientierte. Nun hätten wir in mehrstündigem Marsch zu Quartieren gelangen können, um dort den Rest der Nacht zu verbringen. Ich hatte aber die Absicht, den nächsten Tag noch am Ufer des Doriansees zu verbringen und weitere Untersuchungen zu machen. So stiegen wir seitlich vom See einen Hügel hinan, um in einiger Entfernung von der Straße uns zwischen Büschen ein Nachtlager zu suchen. Wir hatten außer unseren Apparaten keinerlei Gepäck bei uns. In der lauen Julinacht konnten wir ohne Scheu am Boden im Gras schlafen. Wir wanderten aber einige hundert Meter über die Straße bergauf, weil wir wußten, daß jene nachts regelmäßig mit schwerem Geschütz beschossen wurde, da sie die einzige Etappenverbindung für unsere Truppen in der Doiranstellung darstellte.

Unterhalb Kara Oglular fanden wir eine mit Büschen der Stacheleiche bedeckte Mulde, die wir uns als Nachtquartier erwählten. Kaum waren wir angelangt, so wurden beim Schein der Taschenlampen die Planktonfänge geprüft, die nötigen Konservierungen vorgenommen und der mitgebrachte Proviant verzehrt.

In den Gläsern fand sich ein Gewimmel von durchsichtigen glitzernden Planktontieren. Beim unsicheren Licht der Taschenlampen konnte man gerade noch erkennen, daß Copepoden und Daphniden im Wasser schwirrten, ja ich glaubte schon, einen größeren Planktonkrebs zu sehen, der sich dann später tatsächlich als eine interessante Form, als eine Verwandte der Leptodora des Bodensees erweisen ließ.

Müde legten wir uns dann am Boden nieder, um einige Stunden zu schlafen. Leuchtkäfer leuchteten zwischen den Gräsern und schwirrten durch die Luft, als wir in Gruben uns schmiegten, um uns vor dem aufkommenden Seewind zu decken. Wir kamen aber nicht zum Schlafen, denn wir wurden alsbald von Mückenschwärmen umsummt, die sich in Massen auf unsere Gesichter und Hände niederließen. Das mußte uns beunruhigen, denn wir alle wußten, daß die Ufer des Doiransees zu den schlimmsten Malariagegenden des Kriegsschauplatzes gehörten. Natürlich glaubten wir, von den gefährlichen Malariamücken, den Anopheles, umschwärmt zu sein.