Am Morgen konnte ich feststellen, daß unsere Sorge umsonst war. Denn ich fand, als es hell wurde, daß die dichten Mückenschwärme von einer harmlosen nicht stechenden Federmücke aus der Gattung Chironomus gebildet wurden. Ihre Larven erfüllten in Massen das Uferwasser des Doiransees und selbst im nachts gefischten Plankton aus der Mitte des Sees waren sie zahlreich vertreten.
Wir nahmen nun alle pflichtgemäß unsere bis dahin unter den starken Eindrücken vergessene Chinindosis und bewegten uns etwas weiter bergauf. Und das hatten wir nicht zu bereuen; mittlerweile war der Mond aufgegangen und beleuchtete den See und die umgebenden Berge mit seinem silbernen Licht. Er kam spät herauf, da er im Abnehmen begriffen war. Dem hatten wir unsere ungestörte Kreuzfahrt im Dunkeln zu verdanken. Jetzt aber genoß ich mit meinen Begleitern das wundervolle Landschaftsbild, welches das Licht des Mondes vor unseren Augen enthüllte.
Von unserem Standpunkt hatten wir den ganzen ovalen See vor uns ausgebreitet; nur zur Rechten verdeckten die Berge die Stadt Doiran und einen Teil des Südendes des Strandes. Auf dem leichtbewegten Spiegel des Sees blinkelten die Silberreflexe des Mondes, eine breite Bahn von den Feinden zu uns herüberziehend. Die schöngeformten Berge jenseits waren von einem feinen blauen Licht durchleuchtet; leichte Nebel hoben sich über dem sumpfigen Nordrande des Sees.
Am Abhang liegend, freuten wir uns des schönen Bildes; aber Ruhe zum Schlafen bekamen wir nicht. Mit dem steigenden Mond hatte sich auch eine starke Beschießung mit schweren Kalibern von feindlichen Geschützen erhoben, welche der Seestraße galt. Wir waren ganz froh, daß wir unsere Schlafgruben, von den Mücken verjagt, im Stich gelassen hatten, denn im Mondschein erkannten wir sie als Granattrichter von früheren Beschießungen, sahen auch nahe die spärlichen Reste eines zusammengeschossenen Dorfes.
Bald nahmen die deutschen schweren Batterien das Duell auf und hoch über uns brummten und schwirrten die schweren Granaten herüber und hinüber, während wir in Ruhe den schimmernden See bewunderten.
So kamen wir kaum zum Schlaf und setzten uns im dämmernden Morgen gegen 4 Uhr in Bewegung, um den Nordrand des Sees zu umwandern. Dabei waren wir immer noch von dichten Schwärmen der Federmücken umgeben, die auf unsere Uniformen niederfielen, in die Ärmel und den Hals rutschten und uns unangenehm belästigten. Viele Millionen der Tiere schwirrten in der Luft, und mehr noch schwammen als Larven und Puppen im Wasser des Sees.
Es war ein dunstiger Morgen, während wir durch ein flaches Buschland wanderten, hinter welchem niedere stark zerrissene, dürre Hügel emporstiegen; als wir weiter nach Osten am Nordrand des Sees hinwanderten, stiegen im Norden blaue Berge vor uns auf, die wenig charakteristischen Gipfel der Belasiza Planina. Wir liefen soweit nach Osten, bis wir in einem tiefeingeschnittenen Tal, das ostwärts zog, die Gräben bei dem Ort Brest erkannten. Hier reichte die feindliche Front weit nach Norden, während sie am Westufer des Sees nur dessen südlichen Rand erreichte. Da sahen wir wirklich weißleuchtend die Stadt Doiran am Strand sich erheben und im blauen Wasser des Sees sich spiegeln. Man konnte meinen, große Paläste und zierliche Villen dort stehen zu sehen. Leider aber wußten wir, daß die Stadt ganz zerschossen und von der Bevölkerung verlassen war. Eine reizvolle und malerische Stadt muß es einst gewesen sein; das beweisen die Photographien aus der Stadt, die ich von befreundeter Seite erhielt. Nördlich der Stadt fallen Felsenufer steil zum See ab, während sonst die Ufer am ganzen See ziemlich flach sind.
Abb. 71. Doiransee aus der Artilleriestellung in der Belasiza Planina.
In den ersten Morgenstunden, solange Dunst und Nebel die Fernsicht behinderten, durchstreifte ich mit dem Insektensammler Rangnow die Fläche, die sich zwischen dem See und den Hügeln ausdehnt. Es ist ein dürres Gelände, zum Teil Schwemmland und ist von einem kleinen Bach durchströmt, der in den Doiransee mündet. Die Umgebung war enttäuschend kahl und reizlos. Fast nur Stacheleichen und der gefürchtete Judendorn bildeten Buschgruppen, die zerstreut auf dem gelben zerissenen Boden wuchsen. Dazwischen ragten mächtige Disteln mit purpurroten Blüten empor. Niederes Brombeergestrüpp hinderte überall das Weiterkommen. Größere Bäume, meist Ulmen, erhoben sich nur am Bachufer und vereinzelt in dem Sumpf, der an den See grenzte. Es waren dies auffallend stattliche alte Baumriesen.