Während wir am Nordrande des Sees entlang marschierten, begann eine starke Beschießung der Stadt Doiran und unserer südlich von hier sich hinziehenden Stellungen. Dort lagen bulgarische Truppen der I. Armee, welche sich sehr gut schlugen und deren tapfere Verteidigung der Doiranfront immer sehr anerkannt wurde. Schweres Geschütz der Engländer begann ein regelmäßiges Feuer auf die Stadt Doiran und die Stellungen. Mächtige Rauchsäulen stiegen in regelmäßigen Abständen auf und verrieten die Einschlagstellen. Bei der geringen Entfernung — der Nord-Süd-Durchmesser des Sees mißt 8 km — konnte man die Beschießung gut über den See hinweg verfolgen.
Wir sahen die weiße Stadt über dem dunkelblauen Wasser aufragen, den gelbgrauen Berg hinansteigend, seinen Falten angeschmiegt. Wir konnten in die Straßen hineinblicken, erkannten am Strand große Lagerhäuser, grüne Baumgruppen dahinter und aus dem Gewirre der Mauern tauchten zwei Minarets und der Turm einer christlichen Kirche auf. Was wir aber aus der Ferne nicht sehen konnten, waren die fürchterlichen Zerstörungen des Krieges, welche die Stadt, die uns so wohlerhalten schien, zu einem Trümmerhaufen machten.
Abb. 73. Hügel bei Cerniste mit typischen Erosionsschluchten.
Granate auf Granate fiel ein; es war ein großer Tag am Doiransee. Rauch- und Staubsäulen fuhren hoch in die Lüfte und hielten sich bei der mittäglichen Windstille lange in der Höhe, so daß man den Zug der Schützengräben und Verhaue aus ihnen entnehmen konnte.
Während dieses Schlachtgetöses marschierten wir schwitzend und seufzend mit unseren Lasten durch die Gluthitze des Julitages am Nordrand des Sees entlang. Unsern Marsch richteten wir, wenn es irgendwie möglich war, auf einen der wenigen Bäume, die in der kahlen Landschaft noch aufragten. In dem kargen Schatten dieser Bäume rasteten wir mehrmals. Wir kamen durch die geringen Reste eines ehemaligen Ortes Hasanli, der einer Bewegung der Front einmal zum Opfer gefallen war. Wie ein Fabrikschornstein ragte der Rest eines Minarets aus dem Trümmerhaufen empor. Einige Kilometer weiter fanden wir den letzten Schattenbaum auf dieser Strecke und lagerten unter ihm und wollten dort ruhen bis gegen Abend, da wir nicht mehr allzuweit vom Treffpunkt für das Auto entfernt waren. Wir hatten uns vom See entfernt, Hügel hatten sich zwischen uns und ihn gelegt. Dreieckig abgeschnitten sahen wir seine blaue Fläche aus dem dürren, gelbbraunen Lande aufleuchten.
Zur Ruhe sollten wir aber im Schatten des Baumes nicht kommen. Fliegergeschwader erschienen in der Luft und kämpften miteinander. Abwehrbatterien feuerten von verschiedenen Bergsätteln. Der blaue Himmel war mit zahllosen Schrapnellwölkchen gefleckt. Es war ein großer Kampftag in Mazedonien.
Die schweren Geschütze begannen ein Duell. Die Engländer schossen mit ihren Langrohren über den ganzen See hinüber. Heulend flogen die schweren Granaten hoch oben durch die Bläue des Himmels über Wasser und Berge und schlugen uns gegenüber an den Hängen des Kala Tepe (608 m) und des Dub (695 m) ein. Diese kahlen Berge trugen deutsche und bulgarische Stellungen. Wir konnten von unserem Rastplatz von hinten in sie hineinsehen.
Von dort antwortete eine unserer schweren Batterien, welche im Steilfeuer mächtige Granaten über den See zu den Engländern warfen. Auf diese Batterien hatten es offenbar die Engländer abgesehen. Immer wieder strichen ihre Flieger über sie hin. Immer wieder suchten die Einschläge der Granaten sie ab. Für uns war es ein behagliches Gefühl zu beobachten, wie die Engländer immer um einige hundert Meter zu kurz schossen.
Ich achtete aber bald nicht mehr auf diesen Kampf der Menschen; ich hörte bald das Schießen der Kanonen nicht mehr vor einem anderen Getön, das die Luft erfüllte und sie in eigentümlicher Weise erschütterte. Das Brausen und Summen rührte von einer riesigen Menge von Zikaden her, welche heute ihren Hochzeitstag hatten. Es war eine große, silbergraue Zikadenart (Cicada plebeja Scop.), von denen viele Tausende an diesem heißen Julitag um den Doiransee versammelt waren. In allen Büschen, an allen Pfählen und Stämmen saßen sie und ließen ihren eigenartigen Gesang erschallen. Schon in den Tropen, in Japan, in Italien hatte ich den Gesang der Zikaden genossen und bestaunt. In der Tropennacht mischte sich die Stimme der Zikaden mit mancherlei anderen Tönen, dort auch zu einer eigenartigen und höchst reizvollen Symphonie ihren Beitrag liefernd.