Abb. 74 a-d. Cicada plebeja Scop. Große graue Zikade. a von oben, b von der Seite, c Larve, d Nymphenhaut, aus der das fertige Insekt durch den Rückenschlitz ausgeschlüpft ist. Verkl. ⅗.

Aber so wie hier im heißen Sonnenlicht des mazedonischen Nachmittags hatte der Zikadengesang niemals auf mich gewirkt. Hier wetteiferte er nur mit dem Getöse der Geschütze. Und er siegte über ihn. Wie ein gewaltiger Orgelton quoll das Unisono von tausenden von Zikadenpaaren in die heiße zitternde Luft, hob sich in die Höhe und flog in Wellen mir ins Ohr.

Der Gesang der Einzelzikade ist ein grelles Titititititi; oft klingt es wie das Trillern einer Zugführerpfeife. Es gibt aber unendliche Nüancen der Tonhöhe, des Tempos, der Stärke. So entsteht ein polyphones Gebrause, wie von einem mächtigen modernen Orchester, wirkt auf den Menschen ein und erregt seine Nerven. Das Zirpen der einzelnen Zikade mag grell und unschön klingen. Hier im ungeheuer großen Chor vereinigte es sich zu einem Brausen wie Orgelklang, das schön und eigenartig musikalisch wirkte. Es mag sein, daß der rasche Wechsel sehr wenig voneinander verschiedener Töne, die in unendlicher Mannigfaltigkeit auf das Gehörorgan einbrausen, eine ähnliche Wirkung ausübt, wie im großen modernen Orchester.

Mag das sein wie es will; mag dies Tongewimmel auf den einen Menschen so wirken, auf den anderen anders, die Wirkung auf die Zikaden selbst, die das Konzert erzeugten, war ganz einheitlich. Es war das Liebesfest, der Hochzeitstag der Zikaden; es waren ihre Saturnalien, darum das tolle Gebrause. Sie störte an diesem Tag auch der Donner der Kanonen nicht. So lange die heiße Luft des Julitages sie umhauchte, so lange sangen sie im großen Chor.

Auf all den Büschen und Bäumen der Gegend saßen Dutzende von Paaren, vor allem gern auf der heißen Rinde der in der Gegend so seltenen Ulmen und Eschen. Da sah man sie meist dem Ast dicht angedrückt, die glatten, glasigen, glänzenden Flügel wie ein Dach über den Rücken gefaltet. Ihre großen Augen glänzten in vielen Farben, während das heiße Licht der Sonne sie bestrahlte. Ihr Körper war in einem heftigen Zittern begriffen, die Teile des Leibes bewegten sich gegeneinander, als atmeten sie heftig. Männchen und Weibchen fliegen zueinander und vereinigen sich in Copula, wenn der Chorgesang sie so gereizt hat, der Spannungszustand des Körpers so gestiegen ist, daß sie bereit sind zur Begattung.

Bald trennen sich die Gatten wieder. Das Männchen versteckt sich zum frühen Tod, während das Weibchen noch eine Weile zu leben hat, bis es seine Eier abgelegt und versorgt hat.

Das Hochzeitsfest dauert für die Art nur wenige Tage, wie für das einzelne Individuum nur wenige Stunden. Einige Tage nach dem 8. Juli wurden die Zikaden selten. Nur während der heißesten Sommertage ließen sie ihren Chorgesang ertönen. Früher und später im Jahre hört man nur einzelne Tiere, meist jedes von seinem Baum sein Trillern entsenden.

Das Weibchen legt seine Eier an den Wurzeln von Pflanzen, so von Eschen und anderen Bäumen ab. Die entstehende Larve saugt sich mit ihrem Rüssel an der Wurzel fest und nährt sich von deren Saft. So lebt sie mehrere Jahre unter der Erde, um dann im letzten Larvenstadium emporzusteigen und das fertige Insekt aus sich hervorgehen zu lassen. Dabei reißt die derbe Larvenhaut in einem Längsspalt in der Rückenmitte auf; das fertige Insekt schlüpft in ganz weichem, verletzlichen Zustand aus diesem Schlitz heraus und bleibt auf der Larvenhaut oder in deren Nähe sitzen, bis seine Oberfläche verhärtet ist. Dann breitet es seine Flügel aus, schwirrt in den Sonnenschein an den nächsten Baum und beginnt sein Lied zu singen. Nach dem langen Larvendasein unter der Erde lebt es eine kurze Zeit in Licht und Sonne, um nach Begattung und Eiablage eines raschen Todes zu sterben.

Ich beobachtete die grauschimmernden Zikaden den ganzen Nachmittag, bis der Abend herabsank. Als kühle Luft vom See herüberwehte, verstummten sie, das Konzert war zu Ende.