Die Zeit, in welcher viele Larven gefüttert werden müssen, ist offenbar diejenige, in welcher die Samenvorräte zur Verwendung kommen. Wir haben ja oben gesehen, daß die Messor-Arbeiter selbst gern und viel Insekten fressen. Die Messor-Arten sind nahe verwandt mit Ameisen, welche sich fast ausschließlich von Insekten ernähren. Aber offenbar reicht mit dem fortschreitenden Sommer und der zunehmenden Zahl der Erwachsenen und Jugendstadien im Nest die Menge der Insekten in der Umgebung nicht aus; und so ist jetzt die Zeit, wo, vor allem für die Larvenernährung, auf die Samenvorräte zurückgegriffen wird. Manche Samen können die Ameisen wohl ohne weiteres benagen und nach den Untersuchungen von Emery ist festgesellt, daß sie im Samen den eiweißreichsten Teil, nämlich den Embryo, bevorzugen. Offenbar reichen sie solche Bestandteile der Samen in zerbissenem Zustand mit Speichel vermischt auch ihren Larven als Nahrung.

Aber noch mehr leisten sie, um die Samen richtig verwerten zu können. Wenn im Sommer Regengüsse fallen, dann sieht man die Körnerameisen eine sehr merkwürdige Tätigkeit ausführen. Jetzt schleppen sie von ihren Körnervorräten aus dem Nest heraus und legen die Körner in den Regen. Ich habe dies in Mazedonien vielfach beobachten können. In den warmen Stunden nach dem Regen keimen die Samen sehr bald und werden wieder in das Nest hineingetragen. Das kleine Stückchen, welches herausgekeimt ist, stellt offenbar eine weiche, gut, besonders für die Larven verwertbare Nahrung dar. Sind Keime zu weit entwickelt, so werden sie entweder von vornherein draußen gelassen, oder wenn sie ins Nest getragen worden sind, drinnen als ungeeignet aussortiert und auf den Abfallhaufen geschafft, wo sie bald vertrocknen. So benützen die mazedonischen Körnerameisen ihre Vorräte zu der Zeit, wo sie sie am nötigsten brauchen. Es sind nicht etwa Wintervorräte bei ihnen, sondern im wesentlichen Reserven für die dürrste und insektenärmste Zeit des Jahres. Anders verhält es sich bei den Körnerameisen in Südfrankreich, die offenbar für den dort milden Winter sammeln und für die Formen der Wüste Nordafrikas, deren knappste Zeit offenbar der heiße, trockene Wüstensommer ist.

Der italienische Forscher Emery hat gezeigt, daß die Körnerameisen sogar Makkaroni gern fressen und als Futter für ihre Larven verwenden. So sind sie denn tatsächlich in einem gewissen Teil des Jahres Vegetarianer und finden in den Samen eine für ihre Ernährung wichtige Kohlehydratquelle. Auch ich konnte in Mazedonien bestätigen, daß die Messor-Arten niemals Blattläuse aufsuchten oder in ihre Nester schleppten. Diese Zuckerquelle, welche sonst bei Ameisen so beliebt ist, benützten in nächster Nachbarschaft der Messor-Nester andere Ameisenarten auch in Mazedonien in ausgiebiger Weise. Jene aber rührten die Blattläuse nicht an.

Sowohl in Mazedonien als auch in der Heimat hielt ich Körnerameisen in künstlichen sog. Fieldenestern und konnte an ihnen eine ganze Reihe interessanter Beobachtungen machen, welche zum Teil die Feststellungen im Freien bestätigten, zum Teil neues lehrten. Wie merkwürdig und eigenartig sind doch die Instinkte dieser Tiere ausgebildet. Wie energisch äußert sich bei ihnen der Sammeltrieb und führt sie zur Anlage von Scheunen und Getreidekammern. Aber wie merkwürdig schwankend zeigt sich dieser Instinkt im Freien bei der Unterscheidung des Nützlichen und Nutzlosen. Wie sicher ist er dagegen bei der Aussortierung der gesammelten Vorräte, wenn diese im Nest sich befinden. Was mögen da für Gesetzmäßigkeiten vorliegen, wie mag die ganze eigenartige Biologie dieser Formen zu erklären sein? Sie bieten sicher noch interessante Probleme, die manchen Forscher locken dürften.

Das gleiche gilt auch für die gelben Ameisen der Art Pheidole pallidula Nyl., die ich vor allem im südlichen Wardartal und im Gebiet des Doiransees fand. Das ist jene oben erwähnte einzige europäische Ameisenart mit echten Soldaten. Auch diese habe ich viel im Freien beobachtet und in künstlichen Nestern gehalten.

Dabei zeigte sich, daß bei ihnen die Soldaten viel einseitiger in ihren körperlichen Leistungen und in ihren Fähigkeiten sind als die Dickköpfe der Messor-Arten.

Abb. 94. Soldat von Pheidole pallidula von Arbeiter gefüttert.

Die Pheidole-Soldaten sind viel unbeholfener bei der eigenen Ernährung als ihre Arbeiter, von denen sie sich oft füttern lassen. Sie nehmen auch kaum an den Bauarbeiten im Staat und an dem Eintragen der Nahrung teil. Ein Volk, welches nur aus Soldaten besteht, deren Arbeiter verloren gegangen sind, stirbt bald aus; denn erstere beteiligen sich nicht an der Pflege der Königin und an der Aufzucht der Larven. Allerdings bei der Verteidigung des Staats und seiner Insassen zeigen sie sich besonders energisch.

Zu welchen interessanten Vergleichen mit dem Menschenleben fordern diese eigenartigen sozialen Tiere heraus.