ZWÖLFTES KAPITEL
DIE SCHLUCHTEN DES BALKAN
Wie anders muß Mazedonien in den Zeiten vor der griechischen Kultur ausgesehen haben, als es heute sich darstellt. Es ist früher, soweit wir unterrichtet sind, ein waldbedecktes Land gewesen mit ganz anderem Klima. Auch die Oberflächengestaltung muß sehr abweichend gewesen sein, als thrakische Stämme das Land bewohnten. Die Berge hatten noch kaum ihre zerrissenen Formen, die Nacktheit der Landschaft trat nicht so schroff hervor, das Land muß viel weniger farbig gewesen sein und vor allem die Menge von Schluchten muß gefehlt haben, welche jetzt so charakteristisch für die Landschaft Mazedoniens sind.
Wie auch sonst in den Mittelmeerländern ist an der Oberflächengestaltung des Landes, wie sie uns heute entgegentritt, vor allem die Raubwirtschaft schuld, welche seine Bewohner mit dem Wald getrieben haben. Waldwirtschaft und Waldschonung sind Errungenschaften der neuesten Zeit. Zwar in Deutschland zeigen sich Ansätze dazu schon seit dem Mittelalter; Ehrfurcht vor und Pflege von Bäumen war den Germanen frühe Gewöhnung. Aber erst seit etwa zwei Jahrhunderten hat sich Schritt für Schritt eine geordnete Forstwirtschaft auch bei uns entwickelt. Daß gerade in Mazedonien mit dem Wald so barbarisch gehaust wurde, so daß er jetzt in diesem Land nur noch da existiert, wo die Menschen nicht an ihn heran können, ist zum Teil auch durch die Geschichte dieses Teils von Europa bedingt.
Bei den ungeordneten Zuständen, welche seit Jahrhunderten auf dem Balkan herrschten, dachte niemand daran, für die Zukunft vorzusorgen. Die unterworfenen Völker hatten keine Veranlassung, Naturschätze für die künftigen Generationen ihrer Beherrscher zu erhalten. Und die Türken gar mit ihrem Fatalismus waren schwer zu weitausschauenden Plänen zu haben. So kam in diesem Land, wo die durch den Ruin der Wälder erzeugten Schäden jedem vor Augen standen, niemand darauf, über die Zusammenhänge nachzudenken und an Maßregeln zur Abhilfe heranzutreten.
Sicher fanden die Byzantiner schon ein sehr entwaldetes Gebiet vor, und die Waldbestände, welche sie den Türken hinterließen, mögen in den Niederungen auch nicht mehr beträchtlich gewesen sein. Nun begann sich wohl der Raubbau auch auf die Gebirge auszudehnen und das Bild sich auch im Innern der Balkanhalbinsel auszubreiten, welches wohl schon die antiken Völker fast im ganzen Mittelmeergebiet hinterlassen hatten.
Nur wo das Klima mitwirkte, kam der Wald nicht wieder auf; im zentralen Balkan, wurde er nie ganz vernichtet. Die geologischen Verhältnisse mögen auch vielfach dazu beigetragen haben, seine Neuentstehung zu erschweren. Und vor allem waren es die weidenden Haustiere, welche durch Abfressen von jungen Baumindividuen, durch Benagen der frischen Sprosse die Baumarten entweder ausrotteten oder, wenn sie einigermaßen widerstandsfähig waren, zum Zwergwuchs zwangen. Noch jetzt kann man die verderbliche Wirkung der ungestört weidenden Ziegen — diese sind es vor allem, welche als Waldfeinde in Frage kommen — überall in den Mittelmeerländern beobachten.
Heute findet man in Mazedonien nur mehr im Gebirge ausgedehntere Laub- und Nadelwälder. Auf meinen Gebirgsreisen habe ich solche kennen gelernt und in den entsprechenden Kapiteln geschildert. Die Balkankriege und gar noch der Weltkrieg haben eine weitere empfindliche Lücke in den Baumbestand des Balkan geschlagen. Bei Freund und Feind war für Bauten zu militärischen Zwecken und zum Heizen im Winter ein ganz enormer Verbrauch unvermeidlich, dessen Folgen einem überall in traurigen Bildern entgegentraten. Noch 1917 hatte ich manche Baumgruppen und riesenhafte Exemplare von Ulmen, Eichen, Kastanien, Pappeln bewundert, die im nächsten Jahre schon verschwunden waren. Die Truppen mußten ja doch kochen und heizen; Import von Holz konnte nicht im nötigen Maßstab durchgeführt werden und die Kohlen waren noch viel schwerer heranzubringen.
Schon im Jahre 1917 fiel mir auf, daß Wälder in Höhen unter 1200-1500 m selbst im Gebirge nur da erhalten waren, wo der Mensch keine Zufahrtsstraßen hatte, um größere Massen von Holz an die Verbrauchsstätten zu bringen. War auch nur ein Saumpfad vorhanden und anlegbar, der für Maultiere gangbar war, so hatte sicher in jedem kleinen Waldbestand mindestens der Köhler sein Zerstörungswerk begonnen. Der rauchende Meiler zeigte an, wo und wie der Wald gemordet wurde.
Auch hatte ich oft Gelegenheit, zu beobachten, daß keines der Balkanvölker Talent und Neigung hat, den Wald zu pflegen und an die Zukunft zu denken. Ich habe an anderen Stellen geschildert, wie die gefällten Bäume ganz unvollkommen ausgenützt und rücksichtslos zerstört wurden. Alle die einander hassenden Völker und Rassen kamen nie auf den Gedanken, daß noch einer nach ihnen kommen könne, der etwas von dem Wald haben wollte, und daß sie ihm das gönnen würden.