Abb. 95. Nordende der Plaguša Planina. Davor der Grünberg.
Sobald große Strecken entwaldet waren, konnten die Kräfte der Erosion ihre Arbeit beginnen und anfangen, die Berge zu zerstören. Ein Weg zu diesem Ende ist die Bildung von Schluchten. Wo der Waldboden nicht zwischen den Wurzeln der Bäume festgehalten wird, da saugt er das Wasser nicht fest und tief in sich hinein; wo nicht der Schatten der Bäume den Boden vor den ausdörrenden Strahlen der Sonne bewahrt, können keine dauerhaften Quellen sich ansammeln.
Überall in Mazedonien sehen wir heutzutage an jedem Berg, an jedem Hügel die zerstörenden Kräfte der Atmosphäre tätig. Nach jedem starken Regenguß entstehen neue Rinnsale an den Abhängen. Das Wasser, vom harten, schon steinig gewordenen Boden nicht aufgesaugt, sammelt sich an dessen Oberfläche schnell in Massen an, welche tosend zu Tale stürzend, den Boden aufwühlen und die spärliche Erdkrume mit sich reißen. So sieht man nach jedem Gewitterregen des Sommers, nach den schweren Güssen des Herbstes in Mazedonien hunderte und tausende von jugendlichen Schluchten sich bilden, deren weitere Entwicklungsgeschichte man überall an früher entstandenen verfolgen kann.
Abb. 96. Schluchtende einer Felsenschlucht bei Negorci mit geröllreichem Bach.
Je weiter das Wasser zu Tal fließt, um so mehr wird es, um so gewaltiger wird seine Kraft. Viele kleine Rinnsale vereinigen sich zu einem Wildbach, dieser schließlich zu einem Flüßchen, dessen Wasser schon große Steine, ja Felsenmassen loslösen und auf seinem Weg zu Tal reißen kann. Mächtige Halden bilden sich auf diese Weise an den Abhängen der Berge.
Im Winter gefriert das in die Spalten eingedrungene Wasser und es beginnt die Arbeit des Frostes und des Tauwetters. Die Regengüsse des neuen Jahres finden neue Beute. Die herabgeschwemmten Felsblöcke zerschlagen die Felsen, über welche sie rollen, und schleifen sie und sich gegeneinander ab. So sind es immer kleinere Steine, die unten im Tal anlangen, um so kleiner, je länger der Weg ist, den sie vom Berg zurücklegen müssen, je größer die Gewalt des Wassers ist, das sie mitriß.
Die Schlucht wird von Jahr zu Jahr tiefer; ihre Wände können schließlich steil 100 m und höher hinansteigen und die ganze tiefe Schlucht ist das Werk von vielhundertjähriger Arbeit des Wassers und der Steine. Überall in Mazedonien sieht man Schluchten in allen Entwicklungsstadien: ganz junge, die noch sehr harmlos aussehen, mittlere Stadien, welche schon tiefe Falten ins Antlitz des Berges gerissen haben, ältere, welche das Gebirge durchbrochen haben und Ströme zu Tal wälzen. Und den traurigsten Eindruck machen die ganz alten, welche ihre Felsblöcke schon zu Kieseln, zu Sand, ja zu feinem Schlamm zermahlen haben, den sie in das Tal über die fruchtbaren Felder schwemmen, so daß vom Ausgang der Schlucht eine lange Zunge von Geröll in die Ebene sich hinausstreckt, welche an das Delta eines Flusses erinnert. Sie ist ja gleichen Ursprungs mit einem solchen; ihr Wasser hat aber die Zerstörung und den Aufbau auf einer Strecke ausgeführt, welche es in Minuten, höchstens einer halben Stunde durchbrauste, während der Nil in stiller Arbeit hunderte Kilometer zurücklegte, überall auf seinem Weg Segen austeilend.