Abb. 97. Schlucht mit Wasserfall bei Davidoro.
Solche Schluchten habe ich während meines Aufenthalts in Mazedonien hunderte durchwandert. Bald dienten sie zum Anstieg ins Gebirge, bald mußte man, an der Flanke des Berges entlang wandernd, in ein Dutzend Schluchten an einer Seite hinab, an der anderen Seite hinaufsteigen, um seinen Weg zu finden, wollte man nicht den ganzen Berg umgehen.
Kaluckova liegt, wie ich früher schon schilderte, am Ausgang einer solchen Schlucht, die mir Anlaß gab, manche Beobachtung über das Wesen der Schluchten, ihre Pflanzen- und Tierwelt zu machen. Ging man in die Schlucht hinein, so wanderte man zunächst auf dem weichen Sandboden eines Tälchens, in welches drei Schluchten einmündeten. Deren Boden war von grobem Gerölle bedeckt. Weiter oben kam man in eine immer enger werdende Schlucht, deren Boden aus anstehendem Felsen bestand. Auf ihm lagen größere und kleinere Felsblöcke herum. Durch diese wurde das Wasser des Baches oft zu kleineren und größeren Tümpeln gestaut. Dazwischen fanden sich Talmulden von verschiedenem Umfang, wo der Bach langsam floß und sich Gerölle, Sand oder Schlamm angesammelt hatte. Hier war oft eine reiche Pflanzenwelt entwickelt. Gräser, Riedgräser und Binsen, manchmal auch Kolbenschilf, bildeten da einen üppigen Rasen, zwischen dem Minzen, Doldenpflanzen, Glockenblumen blühten. Allerhand Pflanzen, welche draußen auf dem Hügel schon längst verdorrt waren, führten hier noch ein fröhliches Leben bis in den Juli und August hinein. Da blühten noch Orchideen, Wicken, Salbei, Königskerzen und viele andere.
Abb. 98. Einblick in das System der dem Wardar zufließenden Bäche in der Hudovaebene von der Höhe der Plaguša Planina.
In den Mulden zwischen den Hügeln wuchsen Kräuter heran, welche durch beträchtliche Größenverhältnisse auffielen. Es waren dies mächtige Exemplare von Königskerzen, Disteln ([Abb. 99]) und dem Natternkopf. Besonders letzterer übertraf an Größe die bei uns einheimische Art ganz gewaltig. Die blauen Blütenstände, von Bienen und Hummeln umsummt, waren hier noch größer und in ihrem Blütenreichtum wirkungsvoller als die Exemplare an den Hügelhängen von Kaluckova und in den Maulbeerhainen bei Hudova. Die hier vorkommende Art war Echium italicum L. ([Abb. 100]).
Dr. Laser phot.
Abb. 99. Cirsium candelabrum Gris. Hohe Distel bei Kaluckova.
Sie waren von vielen Schmetterlingen, Bienen, Fliegen besucht. Von der Tierwelt werden wir noch mehr zu berichten haben. Von Pflanzen fanden sich vielfach die gleichen stachlichen und dornigen Büsche, wie oben auf dem Hügel. Hier wuchsen vor allem Brombeersträucher, die einem nicht selten das Vorwärtskommen sehr erschwerten. Noch mehr war man aber beim Aufstieg behindert, wenn von einer Felsenstufe ein Wasserfall herabbrauste ([Abb. 97]). Oft mußte man eine weite Umgehungskletterei durchführen, wollte man seine Absicht durchsetzen, die ganze Schlucht kennen zu lernen. Oberhalb und unterhalb solcher Wasserfälle war das Wasser nicht selten zu stattlichen Gumpen angesammelt, deren grünes Wasser zum Bade verlockte. Oft habe ich mit meinen Gefährten die Gelegenheit ausgenützt und nach anstrengender Kletterei in einer solchen Naturbadewanne Erfrischung gesucht.