Die Stadt Strumiza liegt eigenartig in einem felsigen Gelände; sie ist von den Ruinen einer Feste überragt. Auch im Stadtgebiet gibt es viele zerstörte Häuser. Steil und kahl steigt der Berg hinter der Stadt auf; geringes Buschwerk steht zerstreut an seinem steinigen Hang. Nur in der Schlucht ist etwas mehr Grün zu entdecken. Von diesem fahlen Hintergrund heben sich die leuchtende Kuppel einer Moschee und zwei grell weiße christliche Kirchen seltsam ab. Sehr eigenartig wirkt der blaue, rote und gelbe Anstrich mancher Häuser. Die Straßen der Stadt sind nicht reizlos mit der großen Mannigfaltigkeit der Bauart der Häuser, deren vorgebaute obere Stockwerke schöne Veranden, säulengetragene Loggien enthalten und oft durch große Bogenfenster fein gegliedert sind. In der Stadt selbst sind Bäume und Büsche nicht selten und über die Hauptgeschäftsstraße wölbt sich ein mächtiger alter Weinstock wie ein Torbogen.

Abb. 111. Blick aus dem Kiefernwald auf die Burg von Strumiza (Pinus nigra Arn.).

Vor Strumiza war ich über die Grenze zwischen Bulgarien und Serbien gekommen, wie sie vor dem Krieg bestand, und damit in einen Teil Altbulgariens gelangt. Die Bevölkerung von Strumiza ist hauptsächlich bulgarisch, wenn auch nicht wenig Türken und bulgarische Muhamedaner, Pomaken, dort wohnen.

Es war mir interessant, noch ein Stück in das Strumizatal hineinzufahren. Wie die Plaguša Planina von Osten einen weniger stattlichen Eindruck als von Westen macht, so macht auch das Belasizagebirge von dem Strumizatal aus einen bescheideneren Eindruck. Das gut bewässerte Tal ist reich bebaut. Getreidefelder breiteten sich rings um uns aus, als wir in flotter Fahrt das Tal ein gut Stück südostwärts verfolgten. Alle Dörfer waren von einem Wald von Obstbäumen umgeben. Die Üppigkeit des Grüns ließ einen fast vergessen, daß man im Flachland Mazedoniens sich befand. Ich streifte durch die Felder, zwischen denen wasserreiche Gräben verliefen, die von Weiden umgeben und von Kolbenschilf bewachsen waren. Von einem solchen Gewässer flog vor mir eine prachtvolle Stockente, eine Anas platyrhynchos L., ein alter Erpel, auf und es gelang, mir das Exemplar herunterzuholen.

Abb. 112. Strumiza.

Als wir in das Dörfchen kamen, in welchem mein Begleiter dienstlich zu tun hatte, erlebte ich eine merkwürdige Überraschung. Der kleine Ort Martino war fast ganz von protestantischen Bulgaren bewohnt, welche vor vielen Jahren von einem amerikanischen Missionar bekehrt worden waren und treu seither an ihrer neuen Religion hielten. Ihr Priester sprach noch etwas englisch und hatte seine Holy Bible und methodistische Gebetbücher. Trotz ihrer halbtürkischen Tracht machten die Bewohner einen anderen Eindruck als die Bewohner der Nachbardörfer. Es war ein eigenartiges Schauspiel, als die sauberen, wohlgepflegten Kinder der Gemeinde uns evangelische Kirchenlieder vorsangen. Sie hatten gute Stimmen und waren gut eingeübt. Ich wohnte einer Schulstunde in dem kleinen niedrigen Schulzimmer bei und schied als guter Freund von der netten Gesellschaft.

Abb. 113. Die christlichen Schulkinder in dem Dorf Martino.