Die beiden Ausflüge in die Belasiza Planina erfolgten bei Dienstreisen von Offizieren. So waren es flüchtige Besuche dieses Gebirges; sie gaben mir immerhin eine Vorstellung von dem Gebiet. Auch die Belasiza steigt steil nördlich des Doiransees auf. Ihre von der Erosion stark verarbeiteten schluchtenreichen Hänge sind in den unteren Regionen nur von Buschvegetation bedeckt, diese geht etwa bei 600-700 m Höhe in lichtes Buchengebüsch über, das hier und da zu Waldungen wird, die in 900-1000 m Höhe zu überwiegen pflegen. Das war etwa die Höhe des Bejlik, des ersten Berges, den ich erstieg. Aber schon dieser Gipfel mit 1063 m trug über dem Wald eine Mattenregion, aus der vereinzelte Felsen herausragten. In dem lichten Wald fand sich typische Gebirgsfauna. Von Schmetterlingen flogen Mnemosyne und Erebia-Arten. Auch die Ameisen waren Gebirgsformen der Gattung Formica. Sie bauten Haufen, welche allerdings ziemlich klein waren. Die Art war Formica rufa L., die auch bei uns oft keine Hügel baut. In einem Teich fanden sich in etwa 700 m Höhe Molche, welche jetzt noch im Wasser saßen und scheinbar noch nicht abgelaicht hatten (Molge vulgaris graeca Wolt.).

Ähnlich stellte sich der etwa 1500 m hohe Gipfel der Visoka Čuka dar; dieser Berg trug eine Beobachtungsstation unserer Marine, von der aus vor allem der Doiransee und ein großer Teil der Doiranfront überblickt werden konnte. Die Besteigung dieses Berges bot landschaftlich viel größere Reize, als diejenige des Bejlik. An vielen Stellen eröffneten sich Blicke auf den blauen Doiransee, welche sehr eigenartig waren. Hier stiegen die Buchenbäume bis fast 1200 m hoch am Berg hinauf; auch hier schloß sich an sie eine Mattenregion, welche in der Umgebung der Beobachtungsstation von mächtigen Felsblöcken mit zum Teil bizarren Formen übersät war. Leider konnten wir nicht bis zum höchsten Gipfel vordringen, der nach Mitteilungen von Offizieren eine formenreiche alpine Flora beherbergt.

Von der Beobachtungsstation aus war noch eine ganze Reihe höherer Gipfel zu übersehen, auf denen Mitte Mai noch Schnee lag. Eigenartig zogen sich über die Hänge des Gebirges gegen den Doiransee die Stellungen unserer und der bulgarischen Truppen; Schützengräben und Artilleriestellungen bedeckten alle Höhen und wohlgepflegte Zufahrtsstraßen sicherten den Nachschub. Sehr malerisch war der Blick von dem erreichten Vorgipfel der Visoka Čuka nach dem Doiransee hinunter. An dem dunstigen Tag lag der See lichtblau in der Tiefe; seine Uferberge umgaben ihn mit einem hellvioletten Rahmen, einzelne Bergflanken leuchteten rötlich auf. Vor uns aber bildeten die Buchen mit ihrem frischen Frühlingsgrün und den silbergrauen Stämmen einen eigenartigen Gegensatz. Sie waren nahe Wirklichkeit, während der ferne See wie eine Vision aus fernen Zonen den Sinnen entrückt schien ([Abb. 75], S. [155]).

Eigenartige Erinnerungen sind mir von einer Fahrt an die Wardarfront bei Gewgeli im Gedächtnis geblieben. Über den Furkapaß ging es am Dub vorbei gegen die Ebene des Wardar. Weit und flach lag diese vor mir, als ich vom Gebirge herunter in die kampfreiche Gegend von Bogdanci kam. Südwärts sah man nur mehr niedere Hügel und sonst nur Ebene, die sich gegen das Meer hin dehnte, und durch welche der Fluß seinen Weg zur Aegeis suchte.

Im Dorfe Bogdanci hielten wir uns nur kurz auf; wir waren jetzt im Kampfgebiet und überall verrieten tiefe Trichter, daß wir im Bereich der feindlichen Geschütze waren. Das Dorf selbst bestand fast nur aus Ruinen, zwischen denen die Soldaten sich Unterstände eingebaut hatten. Mit ihnen hausten eine Unmenge von Falken in den Trümmern, welche durch alles Schießen sich nicht hatten vertreiben lassen und in Mauerlöchern horsteten. Es waren mehrere verschiedene Arten, die in vielen Exemplaren schreiend um die Ruinen flogen, immer wieder in die Ebene hinausflogen, dort auf Beute hinabstießen und mit ihr zum Nest heimkehrten. Es waren vor allem Rötelfalken (Falco naumanni naumanni Fleisch.), doch auch Turmfalken darunter (F. tinunculus tinunculus L.).

Die Fahrt zum Wardar wurde nun genau überlegt, denn hier war die ganze Ebene weithin vom Feind eingesehen und selbst einzelne Reiter und Wagen wurden oft mit Granaten beschossen. Der Wagen sauste in gutem Tempo quer durch die Fläche zu einem eigentümlich geformten Hügel, der noch diesseits des Wardar, dicht vor dem Fluß aufragte und in der Armee der Tafelberg hieß. Dicht hinter ihm begannen die feindlichen Stellungen, die hier von Engländern besetzt waren.

Es wehte eine frische, kühle Luft über die Ebene, wir fuhren meist im Gras und selten nur wirbelte unser Auto eine Staubwolke auf. Lerchen, Haubenlerchen, Ammern, hier und da ein Falke flogen vor uns auf. Wundervoll klar war die Fernsicht auf die Bergketten im Osten und vor allem auf die schöngeformten Gebirge im Westen. In der Ferne erkannte man Majadak mit den feindlichen Höhenstellungen. Nach ungefährdeter Fahrt kamen wir in die Deckung des Tafelberges, wo unser Wagen sicher warten konnte, bis er zu einem verabredeten Treffpunkt an der anderen Wardarseite sich in Bewegung setzte. Er mußte eine unbeschossene Wardarbrücke weiter oben am Fluß zur Überfahrt benutzen.

In die Steilwand des Tafelberges waren Unterstände mit Türen und Fenstern in den Felsen eingebaut. Der mich begleitende Hauptmann hatte alle Posten des Nachrichtendienstes zu kontrollieren. Während er dies besorgte, streifte ich in der Umgebung umher. Sie war wasserreich, ein starker Bach strebte dem nahen Wardar zu. Seine Ufer waren von Weidenbüschen eingefaßt, und im Wasser stand ein Dickicht von Schwertlinien (Iris pseudacorus L.) von gelber und blauer Farbe. Kleine Vögel huschten durch das hohe Gras jenseits des Wassers. Zahlreiche Libellen sausten über dem Spiegel des Bachs hin und her auf der Jagd nach Eintagsfliegen und Mücken, die geruhsam in der heißen Luft schwebten.

Es war Mittag geworden und vom wolkenlosen Himmel strahlte die brave mazedonische Sonne herab, als wir uns zu einem Fußmarsch auf der Landstraße in Bewegung setzten. Dicht vor dem Tafelberg ging eine stark zerschossene eiserne Eisenbahnbrücke über den Wardar. Ihr mittlerer Teil lag im Flußbett und das Wasser des hier wohl 150 m breiten Flusses brauste über ihn hin; er war durch einen Holzbau der Pioniere ersetzt, der oft erneuert werden mußte. Im Abstand von mehreren Minuten mußten wir einzeln die Brücke überschreiten, da man sonst vom Feind beschossen wurde und auch drüben auf der nackten Landstraße mußten wir in gehöriger Entfernung voneinander marschieren, bis wir zwischen die zerschossenen Häuser der Stadt Gewgeli kamen.

Der Besuch in Gewgeli gehört zu meinen eigenartigsten Erinnerungen während meiner Kriegs- und Forscherjahre in Mazedonien. So wollte ich nicht unterlassen, ihn in diesem Buch zu schildern. Die Straßen einer großen Stadt waren es, in welche wir drei Männer eintraten; stattliche weiße Häuser faßten sie ein; zierliche Villen standen dazwischen. Die breiten Straßen waren von Alleen von Platanen und ausländischen Bäumen, so der japanischen Pawlownia imperialis, eingefaßt. Gärten lagen zwischen den Häusern, Kirchen und Kapellen ragten auf. Aber wir drei Männer waren die einzigen lebenden Wesen auf den hellen, breiten Straßen. Kein Wagen, kein Tier, kein Mensch bewegte sich zwischen den leeren Häusern. Die Fensterhöhlen gähnten ohne Scheiben, Türen hingen schief in den Angeln, der blaue Himmel lachte fröhlich zwischen die dachlosen Mauern herein. Granattrichter unterbrachen hier und da die glatte Straßenfläche. Ein zottiger Hund schlüpfte mit mißtrauischem Blick in ein Kellerloch.