Tiefe Stille lag über der großen Stadt, in der früher ein starker Verkehr, Handel und Wandel geherrscht haben müssen. Große Warenlager, Fabrikgebäude zeugen davon, daß hier früher ein Mittelpunkt des Seiden-, Opium-, Wein- und Getreidehandels von Südmazedonien war. Eingeborene Familien waren nicht mehr da, die ganze Bevölkerung hatte die mitten in der Front liegende Stadt verlassen. Selten begegnete uns ein scheuer, zerlumpter Zivilist, der vielleicht nach den Trümmern seines Hauses gesehen hatte und nun fürchten mußte, als Spion verdächtigt zu werden. Ich konnte keine Erfahrungen über die griechische Sprache der Gewgelier machen.
Die Schaufenster der Läden waren zertrümmert; war ein Haus noch erhalten, so waren Fenster und Türen mit Brettern vernagelt. Wir gingen auf Schleichwegen durch Höfe und gedeckte Gänge, durch deckenlose Zimmer, deren Böden von Gras bewachsen waren, zu den tief eingegrabenen Unterständen der Abteilungen, welche im Bereich der Stadt lagen. Quartiere waren hier zu gefährlich.
Als der Dienst meines Begleiters erledigt war, verließen wir die Ruinen der Stadt, um die Horchposten an der Front zu besuchen. Ich begleitete die beiden Offiziere, weil ich damit den südlichsten erreichbaren Ort von Mazedonien kennen lernen konnte. Gleich beim Heraustreten aus der Stadt mußte man sich trennen und sorgsam Deckung suchen, um den Weg durch das Bett der Ljumnitza zu nehmen, welches jetzt fast trocken lag, so daß man durchwaten konnte. Hier mußte man schon Abstände von 5-10 Minuten voneinander nehmen, um heil durchzukommen.
Nach einigen Kilometern Marsch ging die Ebene in niedrige Hügel über. Hier kamen wir über die griechische Grenze; jenseits lag in Maulbeergärten das Dörfchen Dzeovo. Vor diesem erhob sich eine Kette von lehmigen Hügeln, in denen unsere vordersten Gräben eingebaut waren. Über diese hinaus reichten die Erdbauten mit den Horchposten, welche mit feinen Apparaten die Telephon- und sonstigen Gespräche der Feinde abhörten. Während ich mich dort in den Unterkünften der Mannschaften nach Malaria- und Pappataccimücken umschaute, nahm ich auch einmal ein Hörrohr in die Hand und hörte fern von mir drüben die Stimme eines Franzosen sich herzhaft über einen „bon vin rouge‟ äußern.
Nach kurzem Aufenthalt und frugalem Mittagessen wurde der Rückmarsch angetreten, der wieder über die Ljumnitza, aber diesmal über eine Brücke vor ihrer Mündung in den Wardar führte. Mit der gleichen Vorsicht wie am Vormittag wurden die gefährlichen Strecken zurückgelegt, die Stadt Gewgeli durchwandert, und dann begann ein schlimmer Marsch auf schattenloser, staubiger Landstraße nordwärts. Es war sehr heiß geworden, der Weg war lang und sehr ermüdend. Welche schönen Erinnerungen weckte der Übergang über den Koinskobach, der, von der Mala Rupa kommend, hier dem nahen Wardar zufloß. Frische Gebirgsluft blies über seinem Wasser die Phantasie mir zu.
So marschierten wir mutig einige Stunden lang weiter. Auch hier war es nicht gefahrlos; viele Trichter verrieten uns, daß vor kurzem reichlich Granaten eingeschlagen hatten. Wir hatten Glück, denn wir hörten, daß am Tage vorher 600 Granaten der Feinde hier beim Artillerieberg eingefallen waren. Man hatte mir schon vorher anvertraut gehabt, mein Nachrichtenhauptmann habe stets in solchen Dingen besonderen Dusel.
Es wurde schon abendlich, als wir in der Ferne unser Auto auf der Landstraße stehen sahen, dessen nicht sehr tapferer Fahrer sich nicht weiter in die gefährliche Zone gewagt hatte. Aber er hatte keinen schlechten Platz zum Warten gewählt. Neben der Landstraße stand ein kleines Haus, in welchem ein altes türkisches Bad von der Heeresverwaltung reinlich ausgebaut war. In einem Bassin sprudelte das Wasser einer heißen, schwach schwefelhaltigen Mineralquelle.
Das war nach dem anstrengenden Marsch die erwünschteste Erquickung. Das heiße Wasser frischte uns auf, der kühle Abendwind trocknete uns auf der Wiese. Als wir wieder angekleidet in unserem Wagen über Negorci, Predeci, Smokwiza dem Hain Mamre in der Nacht zusausten, fühlten wir uns vollkommen erholt und genossen in Gedanken die Eindrücke des Tages.
Bald nach diesem Ausflug kehrte ich vom Hain Mamre nach Üsküb zurück, wo neue Aufgaben meiner warteten. Ich schied mit dankbarer Gesinnung von dem trefflichen Kreis, mit dem festen Vorsatz, im Hochsommer zurückzukehren und noch eine Expedition ins Gebiet der Mala Rupa von dort aus zu unternehmen. Persönliche Erlebnisse und die Vorgänge auf den Kriegsschauplätzen, speziell gerade an dieser Front, verhinderten die Erfüllung dieses meines Wunsches.