DIE EXPEDITION IN DEN SCHARDAKH

Eine brütende Hitze lag Anfang August 1917 über der Stadt Üsküb, als ich dort verweilte, um von da aus eine Forscherfahrt in die albanischen Randgebirge ins Werk zu setzen. Im Frühling sieht man aus der Gegend von Üsküb, wenn der Schnee von den umgebenden Bergen weggetaut ist, zwei Bergketten, die noch tief in den Sommer hinein schneebedeckt sind. Die eine liegt südlich der Stadt, man kann sie nur von den Höhen aus erkennen. Bei jedem Spaziergang außerhalb der Stadt eröffnen sich aber Blicke gegen die westliche Bergkette, die oft im Abendschein violett aufglüht und mit ihren schönen Bergformen jedem Landschaftsbild einen schönen Hintergrund gibt.

Das ist das albanische Randgebirge des Schardakh, welches man von Üsküb stets in zwei Hälften geteilt sieht. Im Nordwesten zieht sich eine lange Kette bis zu den Vordergrundsbergen, in denen das Chrombergwerk von Radusche liegt. Diese Nordwestkette hat ihre höchste Erhebung im Ljubotren, dem Liebesdorn der Bulgaren. Er erscheint vom Wardartal aus als stattliche Pyramide mit schönen Umrissen. Um ihn herum gliedern sich erheblich niedrigere Berge, so daß er einen sehr stattlichen Eindruck macht mit seinen etwa 2400 m Höhe. Er ist oft bestiegen worden, auch von Naturforschern, und auch die Offiziere und Ärzte Üskübs hatten ihn öfter besucht. So erschien er mir für eine Forschungsfahrt weniger verlockend, als die südwestliche Gruppe des Gebirges, die nicht so ausgesprochen kettenförmig zu sein schien. Dort sah man im Glanz des Abends oft eine Gruppe von mehreren hohen Gipfeln herüberschimmern, die vor allem im frühen Frühjahr ein prachtvolles Bild darboten. Unter ihnen wurde uns der höchste als Kobeliza, der Kürbis, bezeichnet. Wenn das auch nicht eine wilde Romantik verhieß, so erschien uns doch diese Südgruppe des Schardakh manches zu versprechen. Sie war auch bisher selten von Nordeuropäern besucht worden. So entschied ich mich bald für diese südliche Gipfelgruppe, die mir höher aufzuragen schien als der Ljubotren, als Ziel unserer ersten größeren Expedition in Mazedonien.

In jener Zeit bestand das beste Einverständnis mit der bulgarischen Regierung und Heeresleitung. So konnte ich denn auf eine verständnisvolle Unterstützung meines Planes rechnen. Unser Verbindungsoffizier Hauptmann Lessing brachte mich zu dem Oberstleutnant Jostoff, einem Namensvetter des bekannten Generals, der bei den Bulgaren dieselbe Funktion vertrat. Dieser liebenswürdige Offizier vermittelte die Beziehungen zu den bulgarischen Zivilbehörden und vor allem zum Stab der neubegründeten bulgarischen Gebirgsdivision, von der wir mit Reit- und Tragpferden und Bedeckungsmannschaften versorgt werden sollten.

Abb. 114. Westliche Schneeberge über dem oberen Wardartal im Frühling. Links Kobelizagruppe, rechts Ljubotren.

So konnten wir denn am Freitag, den 10. August nachmittags, uns mit der Kleinbahn vom Bahnhof Jostoff in Bewegung setzen. Unser Ziel war die Grenzstadt Kalkandelen. So hieß sie in türkischer Zeit. Ihr bulgarischer Namen war Tetowo. Es war eine der richtigen Durchgangsstädte gegen Albanien. Von Kalkandelen aus führt ein Paß nach Prizren.

Auf dieser Reise begleiteten mich zum erstenmal Botaniker. Prof. Bornmüller und Prof. Fleischer schlossen sich mir an. Meine anderen Begleiter waren Prof. Müller, Dr. Wülker, der Insektensammler Rangnow und unser gemeinsamer Bursche, ein ungarischer Schwabe namens Michael Schucha.

Abb. 115. Kartenskizze der Umgebung von Üsküb mit Einschluß des Schardakh und der Golesniza Planina.