Die Bahn führte wardaraufwärts, und zwar lernten wir bei der Fahrt die ganze Strecke kennen, welche der Fluß von West nach Osten fließt. Der Wardar hat ja einen eigenartigen Lauf. Er entspringt südlich von Kalkandelen, fließt etwa nordöstlich bis zu dieser Stadt, um dann in großem Bogen bis Üsküb sich nach Osten zu wenden. Von dieser Stadt aus strömt er mit der Hauptrichtung nach Südosten dem Meere zu, um westlich von Saloniki zwischen der Chalkidike und Thessalien in eine große Bucht des Ägäischen Meeres zu münden.
Bei Kalkandelen durchfließt er ein weites Tal, das südlich von der Karaschiza, nördlich von der Südgruppe des Schardakh begrenzt wird. An letzterem angelehnt liegt malerisch die Stadt Kalkandelen.
Im letzten Teil der Bahnfahrt zeigte sich zur Rechten eine hohe Bergkette, deren Abschluß, die Kobeliza, das Ziel unserer Expedition, mächtig vor uns aufragte. Das Tal ringsum war gut angebaut und bewässert. Die Stadt lag, weitläufig angelegt, in Pflanzungen eingebettet. An die Berge geschmiegt, machte sie einen sehr einladenden Eindruck. Das Gebirge selbst bot uns seine waldlose Seite dar, kahle schroffe Felsen schienen vorzuherrschen.
Am Bahnhof wurden wir von einem vom Stab der Gebirgsdivision gesandten Dolmetscher abgeholt. Wagen standen bereit, unser Gepäck zu transportieren. Wir stiegen in einen stattlichen, sauberen Landauer ein, dessen Kutscher uns in rasendem Galopp zur Stadt fuhr, von der der Bahnhof etwas abgelegen war. Für Mazedonien klappte alles auffällig gut.
Rasselnd, unter Peitschenknall, in fast zu flottem Tempo über hartes Steinpflaster klappernd, führte uns der Wagen durch die Straßen der Stadt, über einen freien Platz, schließlich durch eine steile enge Gasse bergauf zum Offizierskasino. Hier sollten wir Gäste des Offizierkorps bei den Mahlzeiten sein, während wir für die Nächte auf Bürgerquatiere in der Stadt verteilt wurden.
Kalkandelen macht einen recht sauberen und sympathischen Eindruck. Vor allem als Gegensatz zu dem verstaubten und verkommenen Üsküb wirkte er sehr freundlich auf mich. Hier hatte der Krieg keine so furchtbaren Spuren hinterlassen als an den großen Heerstraßen Mazedoniens. Keinerlei Zerstörungen waren an den Häusern der Stadt zu sehen, keine verlassenen Gehöfte, nichts von dem Verfall und der Vernachlässigung, wie ich sie in den bisher besuchten Gegenden, im Wardartal und an der Front überall angetroffen hatte. Hier hatte der Krieg nicht getobt, wenn er natürlich auch für diese entlegene Stadt seine Folgen gehabt hatte. Hier hielten die Leute noch etwas auf sich selbst, auf ihren Besitz, ihre Häuser und Höfe. Sie gingen gut gekleidet und sahen einem offen und freundlich ins Gesicht, nicht mit dem gedrückten und scheuen Blick der Frontbewohner. Man hörte Frauenstimmen singen, sah jubelnde und spielende Kinder. Das waren für mich neue Eindrücke.
Ich freute mich, hübschere Mädchen auf den Straßen oder abends mit den großen Kupferkannen zum Brunnen zu gehen, mit munterem Geplapper an den Straßenecken stehen zu sehen.
Abb. 116. Kalkandelen (Tetowo) gesehen vom Hang jenseits der Sarska.
Im Quartier wurde man freundlich aufgenommen. Die Häuser waren hier durchweg die typischen türkischen Stadthäuser, wenn auch die vornehmeren Familien, bei denen wir als Ehrengäste einquartiert wurden, alle bulgarisch waren. Meist stand das Haus im Hintergrund eines großen viereckigen Hofes. An dessen beiden Seiten oder meist nur an einer von ihnen zogen sich niedrige Wirtschaftsgebäude und Dienstbotenwohnungen hin. Das Wohnhaus war meist zweistöckig, im unteren Stockwerk befanden sich die Räume, in denen Gäste empfangen wurden, und in welchen die erwachsenen Familienmitglieder sich tagsüber aufhielten. Im oberen Stockwerk waren die Schlaf- und Wohnzimmer. Das Zimmer, welches mir überlassen war, offenbar das Staatszimmer des Hauses, besaß an zwei Seiten je drei Fenster, war daher hell und luftig.