Um alle Wände herum liefen Diwans; diese waren mit handgefertigten Spitzen und Häkelarbeiten, die mit rotem Stoff unterlegt waren, überzogen. An einer Wand stand eine Kommode, an einer anderen ein Glasschränkchen. In diesem waren die Kostbarkeiten der Familie aufgestellt. Eine Standuhr auf der Kommode ging nicht. Daneben standen Gefäße aus Glas und Kupfer, selten ein emailliertes Kästchen oder dgl. Dazu nur primitive Photographien, hier und da einmal ein Stich mit Kriegserinnerungen, historischen Szenen, Landschaften oder ein blinder Spiegel. Alles etwas verstaubt und vernachlässigt. Die Schlösser der Türen schlossen nicht, die Fenster ebensowenig, Scheiben fehlten. Aber das ganze Zimmer war sehr sauber gehalten. Das Bett, welches in einer Ecke für mich aufgestellt war, mitteleuropäisch ausgestattet, mit weißer, blitzblank reiner Wäsche und warmer Steppdecke. Die Kissen mit schön gestickten Überzügen waren offenbar die beste Bettwäsche der Familie.

Vermessungsabt. 21 phot.

Abb. 117. Hof eines mazedonischen Bürgerhauses.

Morgens früh brachte ein kleines Mädchen, wohl die Tochter eines der Dienstleute, mir in kleiner Porzellantasse auf silbernem Tablett heißen türkischen Kaffee. Das Waschgeschirr bestand aus einer ziemlich flachen Messingschale, zu der eine ebenso schön getriebene Messingkanne gehörte. Die übliche Waschprozedur war recht einfach. Man läßt sich über der Waschschale das Wasser über die Hände gießen, wäscht diese und reibt sich mit ihnen das Gesicht ab und die ganze Reinigung ist erledigt. Also im ganzen orientalisch-türkische Sitte, von den Bulgaren, wie die Hauseinrichtung ohne viel Änderung übernommen. Der Hof war auch hier nach türkischer Sitte zum Teil bepflanzt. Rebenlauben überdachten manche Teile, Oleander, Lorbeer und Granatapfelbäume standen in Kübeln umher, auch schattenspendende Bäume und Blumenbeete waren angepflanzt. Meist plätscherte ein Brunnen inmitten des Hofes; vor allem nachts war dies das einzige Geräusch, welches in das wohlgeborgene Haus drang. Bei Tag ertönte oft fröhlicher Kindergesang von einer munteren Schar, die unter dem Rebdach saß und spielte und den Fremdling freundlich begrüßte.

Abends saßen wir mit den Offizieren im Kasino und besprachen unsere Pläne. Es waren meist Herren von der Intendantur. Die Truppen der Division lagen in der Umgegend, der Stab in einem berühmten Kloster eine Stunde entfernt von Kalkandelen.

Am ersten Morgen fand der übliche feierliche Empfang in der Präfektur statt. In einem großen Saal mit Teppichen und Fahnen an den Wänden wurden wir durch eine längere Ansprache des Präfekten geehrt, auf die ich antworten mußte. Der Präfekt, in Friedenszeiten Gymnasiallehrer für Chemie in Sofia, zeigte volles Verständnis für unsere Pläne und versprach uns die Hilfe der Zivilbehörde als Ergänzung der militärischen Unterstützung, die uns in Aussicht gestellt war.

Nachmittags 3½ Uhr sollte der Abmarsch erfolgen, um die kühlen Abendstunden zum Anstieg bis auf eine gewisse Höhe auszunützen. In der engen Straße beim Kasino bildete sich alsbald eine höchst malerische Kolonne. Wir waren 7 Deutsche, zu denen 11 bulgarische Soldaten kamen, welche als Pferdeknechte und Bedeckungsmannschaften uns begleiten sollten. Die meisten der Soldaten, ebenso ihr Unteroffizier, der Tschausch, waren Mohammedaner. Die meisten sprachen nur türkisch. Dolmetscher hatten wir keinen, so war die Verständigung unterwegs vielfach nicht einfach, da nur unser ungarischer Bursche einigermaßen bulgarisch sprach. Wir kamen aber mit den gutmütigen Leuten recht gut aus.

Sechs gut gesattelte Reitpferde standen für uns Deutsche bereit, die Soldaten waren ebenfalls alle beritten. Dazu kamen 10 Saumpferde, welche unsere Zelte, Decken, Kisten, den Proviant und die ganze Ausrüstung zu tragen hatten.

Jeder von uns suchte sich ein geeignetes Reitpferd aus, wobei diejenigen, welche keine Reiter waren, etwas ängstliche Gesichter machten. Die Botaniker, die schon viele Reisen in Kleinasien, Persien und sonst im Orient hinter sich hatten, hatten schnell gewählt. Auch ich erfaßte die Zügel eines großen, schlanken Pferdes, welches mit ganz neuem Zaumzeug sehr gut ausgestattet war. Ich prüfte die Gurten, paßte die Zügel und Bügel an und als ich die Satteltaschen öffnete, um photographischen Apparat und Sammelgeräte in ihnen unterzubringen, entdeckte ich zu meinem Erstaunen am Sattelzeug dieses bulgarischen Armeepferdes einen deutschen Firmenstempel, und wie überrascht war ich, als ich da las: Handelskammer Freiburg i. Br. Also die Stadt, in der meine Universität sich befand, in der meine Lieben damals weilten, die hatte mein Sattelzeug geliefert. Ich sah dies als ein gutes Omen an, als ich mich zum Abritt mit unserem Führer an die Spitze der Karawane begab.