Bald saßen alle im Sattel; klappernd und hufeklirrend bewegte sich der lange Zug durch die engen Gassen zum Berghang. Wir blieben auf dem linken Ufer des brausenden Flüßchens, das vom Schardakh herunter kam und in wilder Felsenschlucht tief unter uns über die Steine brauste.

Es war die Sarska, deren Tal wir beim Ritt dieses Nachmittags einige Stunden verfolgen mußten. Hoch über dem rauschenden Flüßchen kletterte der Saumpfad den Berghang hinauf. Mit vorsichtigem Schritte suchten die Pferde ihren Weg über die glatten Steine und brachten uns flink vorwärts. Bald klomm der Pfad hoch am Hang in die Höhe, um dann wieder bis zum Wasser des Baches niederzusteigen.

Der Rückblick auf das malerische, in Grün gebettete und von Grün umgebene Kalkandelen war prachtvoll; aus dem Gewirr der Häuser erhoben sich Minarets und Kirchtürme. Als wir etwa 7-800 m Meereshöhe erreicht hatten, wurde die Paßstraße breiter, schöne Wiesen, auf denen Heu lag, Haferfelder breiteten sich aus. Was aber der Gebirgslandschaft einen besonderen Reiz verlieh, waren die mächtigen, alten Bäume, die mit ihren dunklen Stämmen immer neue, wechselnde Umrahmungen der Gebirgslandschaft bildeten. Vor allem fielen die alten, gewaltigen Edelkastanien auf, welche mit ihren gerundeten, üppigen Kronen eigenartig von den schroffen Felsen sich abheben. Sie sind in Mazedonien nicht häufig und außer hier im Sarskatal habe ich sie nur auf dem Wodno bei Üsküb angetroffen.

Auch andere stattliche Bäume vervollständigten den üppigen Eindruck dieser Oase im Felsenland. Eichen und Nußbäume erhoben sich neben allerhand Obstbäumen, an denen noch reichlich Früchte hingen. Um saftige Wiesen dehnte sich üppiges Buschwerk von Haselnuß- und Erlensträuchern aus. Bei einer starken, zum Fluß hinabplätschernden Quelle breitete sich ein grüner Rasen aus, umgeben von knorrigen Weiden. Auf der Wiese blühten dunkelrote Skabiosen, am Wasser weiße Doldenpflanzen und duftende Minze. Um die Blüten schwirrten Hummeln und Bienen, auf ihnen saßen Käfer, vor allem wie Edelsteine glänzende Chrysomelen (Chrysomela menthastri Suffr.).

Abb. 118. Sarskatal, im Hintergrund Kobeliza.

Durch die Kronen der Bäume öffneten sich jetzt Blicke auf die Kobeliza und die umgebenden Bergmassen mit ihren steilen Felsenhalden, Waldbeständen und schimmernden Matten.

Sicher und brav stiegen unsere Pferdchen weiter den Pfad hinan, der jetzt schmal und verwegen hoch über der Schlucht am Felsen entlang führte. An einer breiteren Stelle des Tales lag über dem Bach uns gegenüber in etwa 900 m Höhe das Dorf Brodeč. Die albanischen Bergdörfer mit ihren braunen Häuschen und den grauen Dächern, von Bäumen beschattet, am Berghang angelehnt, boten höchst malerische Bilder, in der feinen Nachmittagsstimmung in silbergrauem Schimmer Erinnerungen an japanische Dörfer wachrufend.

Der Ritt verlief nicht ohne Abenteuer. Als der Pfad steil zum Bach abstieg, rutschte Herr Müller plötzlich samt dem ganzen Sattelzeug über Hals und Kopf seines steil abwärts schreitenden Pferdes hinunter und schlug nahe am Abgrund einen Purzelbaum auf dem Saumpfad. Als wir erschreckt heranritten, schnupperte sein Pferd ganz behaglich an ihm und er stand lachend, zum Glück unbeschädigt, auf, um bald auf das wieder gesattelte Pferd zu klettern. Ähnliche Abenteuer passierten jedem der Teilnehmer der Expedition, da unsere Bulgaren mit den Pferden nicht so sorgfältig umgingen wie deutsche Soldaten und unsere Leute nicht viel von Pferden verstanden. So mußte jeder von uns regelmäßig sein Pferd sorgfältig nachsatteln. Doch verlief die Reise in den Schardakh ohne wesentlichen Unfall.

Abwärts in die Schlucht führte der Pfad über den jetzt schon viel kleineren Bach, jenseits schon am Hang der Kobeliza hinauf und dann steil abwärts zu dem hochgelegenen Dorf Vešal. Durch eine Schlucht gelangten wir in das 1150 m hoch gelegene Dorf, welches im Verlauf des Balkankrieges verlassen worden war und dessen meiste Häuser nun halb oder ganz zerstört waren. Ein noch ziemlich erhaltenes großes Haus sollte uns als Herberge dienen; es war zu solchem Zweck vorbereitet und mit einem Hängeschloß versperrt, zu welchem wir den Schlüssel mitbrachten. Ein großer Raum war am Boden mit Teppichen belegt. In diesem schlugen wir unser Quartier auf. Wir waren mit Decken wohl versehen; die konnten wir gut gebrauchen, denn in dieser Höhe war auch Mitte August die Nacht recht frisch.